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Thema: Trauermarsch - Kurzgeschichte

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Trauermarsch

    Daß der Sarg zu eng ist, ist kein Problem, vielmehr belastet, daß die Erinnerungen gelöscht werden. Nein, wenn man lebt, wird man von den Erinnerungen verfolgt, sie sind unlöschbar ins Gedächtnis eingegraben. Die Erinnerungsblitze an Vergangenes erscheinen plötzlich aus dem Nichts, aus dem Unvermuteten, sie sind gegenwärtig, ohne daß die Assoziation notwendig wäre.

    Wie war das?

    Der Kopf schmerzt, er pocht einseitig, die Wahrnehmung fällt zeitweise aus. Um das Schlimmste zu verhindern, ist es notwendig zum Medikament zu greifen. Nachts. Ohne Licht findet man nichts. Also: Es ist unvermeidlich die kalte, gelblich scheinende Küchenleuchte einzuschalten, auch wenn es den Schmerz verstärkt. Die Gedanken sind ungeordnet: Zuerst das Mineralwasser aus Schrank holen und dann die Tablette aus der unsortierten Schublade mit den Medikamenten herausfischen oder umgekehrt. Beides ist eine unangenehme Arbeit, zumal unter dem Eindruck, daß die rechte Kopfhälfte gerade zerbricht. Die Flasche mit dem Mineralwasser wird aus dem Träger gezogen. Nein, diese Flasche ist schon leer, vielleicht hat die daneben noch den ersehnten Inhalt. Auch hier erfolgt ein Fehlgriff, aber der dritte Versuch führte zum Erfolg. Jetzt fehlt noch das Glas, das ich mühsam aus dem Regal hole. Ich schenke ein. Das Mineralwasser zischt, die Kohlensäure steigt nach oben, befeuchtet die Tischfläche rund ums Glas. Die ersehnte Kopfschmerztablette führt noch ihr Dasein in der gestanzten Plastikverpackung: fünf Stück je Reihe, grünes Schutzpapier, weiße Folie, die Daumen pressen auf das geformte Plastik, die kleine, weiße Tablette durchbricht das schützende Papier, reißt es entzwei, herausfällt das ersehnte Wunderding, es trifft auf die Kante des Wasserglases und stürzt nicht wie erhofft ins Wasser, sondern daneben auf den Tisch, rollt über Kante und schlägt zu Boden. Beim Bücken und suchen der kleinen verfluchten, weißen, Scheibe pocht der Schmerz, den sie lindern sollte, heftiger. Flüche verlassen meinen trockenen Mund und endlich an ungünstiger Stelle unter dem Tisch, fische ich mit Zeigefinger und Daumen das Ding hervor, quäle mich hoch und werfe die Tablette endlich dahin, wo sie hingehört. Sofort löst sie sich auf, sie zerfällt in tausend einzelne kleine Klumpen, die sich im Laufe der Zeit wieder teilen und so fort. Endlich, nein natürlich, eine ist zu wenig, die gleiche Prozedur von vorne, nein, das mit dem Danebenfallen darf nicht noch einmal passieren, wird das Wasser noch trüber durch die Beigabe der zweiten Tablette. Gekonnt wird das Glas geschüttelt, die Verteilung sollte möglichst vollständig sein, die Wirkstoffe vollständig vom Wasser aufgenommen werden, daß alles im Körper landet. Ich setze das Glas am Mund an, rieche schon den bitteren Geschmack, nehme mich zusammen und schlucke die trübe Brühe. Ein kalkiges Gefühl im Mund bleibt zurück. Erneut nehme ich die Flasche und schenke ein, das klebrige Weiß, das an der Innenwand hängen blieb, vermischt sich mit dem Wasser. Der Geschmack bleibt fahl im Mund hängen.

    Nach einer weiteren Stunde.

    Der Schmerz läßt nicht nach, die Wahrnehmung verschiebt sich, Erinnerungsfetzen tauchen auf. Wie war das damals, in Großmutters alter Wohnung? Die Risse an der Decke, der alte Leuchter mit den vergilbten Glaskelchen, darin verschraubt Kerzenbirnen. Der alte, knarrende Fußboden, der keinen Schritt in der Dunkelheit erlaubt, ohne daß man ertappt wurde.

    Dann die Geschichten vom Krieg, aus den Erzählungen der Großmutter. Sie blitzen auf im Schlachtfeld des Kopfes. Die Angriffe auf das Stadtviertel, die Sirenen, die Zerstörungen der Häuser, die Aufenthalte im Luftschutzbunker, das Zittern, ob der Wohnblock verschont bleibt, die Einschläge, das Krachen, das Brennen, die Hilfeschrei - dann das mühselige und vergebliche Löschen, das Betrachten der Schäden - das Leid - der Tod. Es hat das Nachbarhaus getroffen, in der die Schwägerin mit ihren beiden Kindern wohnt. Die Front des Blockes ist aufgerissen, die Tapeten hängen zerfetzt von der Wand. Die Einrichtung steht zur Hälfte unbeschädigt, der andere Teil ist unter den Schuttmassen zwei Stockwerke weit hinabgestürzt. Das schmale Gesicht der Schwägerin mit den verstaubten Haare, die zu einem Zopf zusammengebunden sind, ist zerfurcht von den Tränen des Schmerzes.

    Die Zeit vergeht, es bleibt der Schmerz.

    Es ist der Verlust, der bleibt, es vergilbt die Erinnerung - die Liebe, die einmal war, war der Kern meiner Existenz. Der Großvater überlebt die Partisanenbekämpfung in Jugoslawien nicht - meine Mutter, ein Säugling zur Zeit der härtesten Angriffe, unterernährt, blass und schwach. Der Wahnsinn hat sie verschont, deshalb haftet heute meine Erinnerung im Kopf, die die Erlebnisse der Großmutter waren.

    Deshalb der Kopfschmerz.

    Die Luft ist unerträglich, das Atmen fällt schwer, der Sarg ist einfach zu eng. Begraben werden die Erinnerungen, sie sind verloren, interessieren nicht mehr, gehen vor die Hunde.

    Der Schmerz weicht aus dem Kopf. Das Luftholen wird immer kurzatmiger. Die Nebenwirkungen sind es, die das Leben auslöschen - in seltenen Fällen, Herzstillstand!

    Zwei Tage später.

    Mahlers Trauermarsch erklingt in der Aussegnungshalle. Die Angehörigen entschieden sich für eine Urne.

    ------------------


    [Diese Nachricht wurde von hagen am 04. Mai 2001 editiert.]

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Interessiert mich sehr, dieses Thema, auch die Bausteine Deines Umgreifens.
    Irgendwann in meinem Leben muß ich mich auf die Suche nach meinen toten Großvätern machen. Vielleicht tue ich es schon zeitlebens; jedenfalls schwingen diese Resonanzen aus vergangenen Zeiten zu mir herüber. Dein Text ist da eine weitere Pforte, die Pforte, die ein Gleichsuchender durchschreiten muß. Haderst Du? Zögerst Du? Gehst Du hindurch? Und wenn Du gezögert hast, ist es die Angst vor dem Gleichen, das Dir wiederfahren könnte, die Dich zurückhielt?
    Ich bin kein Freund syntaktischer Reihungen; bruchstückhaft hingeworfne Wortfelder, die mir alles weitere überlassen. Da mußt Du an folgendem Textausschnitt noch sehr viel mehr anzeigen, damit es nicht beliebig wird:

    Die Angriffe auf das Stadtviertel, die Sirenen, die Zerstörungen der Häuser, die Aufenthalte im Luftschutzbunker, das Zittern, ob der Wohnblock verschont bleibt, die Einschläge, das Krachen, das Brennen, die Hilfeschrei - dann das mühselige und vergebliche Löschen, das Betrachten der Schäden - das Leid - der Tod. Es hat das Nachbarhaus getroffen
    Darum geht es gerade. Um die Gestaltung dieser Geschehnisse. Hier will ich ein Subjekt spüren, einen Erzähler, einen Betroffnen, einen Geschlagenen, ein Ich. Nur dann besteht die Möglichkeit des Authentischen.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    [..] vielen Dank für Deine interessanten Bemerkungen und vor allem für Deine persönlichen Anmerkungen.
    Vielleicht noch einen für Dich interessanten Hinweis: Es gibt eine psychologische Richtung, die sich mit der Wirkung der Ahnen auf das Leben der Nachkommen auswirkt. Die Richtung nennt sich "Familienstellen" und ist von Bert Hellinger entwickelt worden. Es handelt sich hierbei um einen Ableger der Kurzzeittherapie. Ich lehne zwar etliche Bestandteile dieser Richtung ab, finde aber, daß sie dennoch spannende Elemente beinhaltet und gewisse feststehende Lebensweisheiten gut ausdrücken kann. Das Hauptwerk ist "Ordnung der Liebe" eben von Bert Hellinger.

    Zur Textkritik: Es stimmt, daß die syntaktischen Aneinanderreihungen etwas Unbestimmtes haben. Dieses Stilmittel setzte ich deshalb ein, weil es meinen eigene Lebenserfahrung nicht unmittelbar betrifft, sondern die Situationen nur aus rudimentären Erzählungen kenne. Es steht mir, nach meinem Dafürhalten, nicht zu, hier dezidiert zu wirken, da es gegenüber denjenigen, die es erlebt haben, immer nur ein Abklatsch bleiben wird, der nicht authentisch sein kann. Deshalb ist eine Wiedergabe nur in dieser Oberflächlichkeit möglich, da der Erlebenishorizont auch nur oberflächig ist. Dies soll eben dadurch kontrastiert werden, daß der Abschnitt, der beschreibt wie eine Kopfschmerztablette eingenommen wird, äußerst akribisch beschrieben wurde. Das ist ein Erlebnisbereich, der mich tangiert und der einer Beschreibung zugänglich ist.

    Gruß
    hagen


    [Diese Nachricht wurde von hagen am 05. Mai 2001 editiert.]

    [Diese Nachricht wurde von hagen am 05. Mai 2001 editiert.]

  4. #4
    rodbertus
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Man sollte nicht über Dinge schreiben, die man nicht selbst erlebt hat. Jedenfalls nicht als Dichter. Als Schriftsteller und Journalist sollte man nur über Dinge schreiben, die man nicht erlebt hat, zumindest denke ich, daß Distanz da für die Glaubwürdigkeit des Schreibenden überlebenswichtig ist. Wenn allerdings beides zusammenfällt, also Nichterlebtes wird zu etwas Authentischem gemacht, dann kommen solche Verrumpelungen heraus, wie Du sie hier anbietest.
    Rauchst Du Karo? Warst Du auf Schlachtfeldern? Hast Du einen Schützengraben gegraben? Hast Du bis zum Hals in der Scheiße gestanden? Wie schmeckt Erde? Wie riecht der Tod? Kennst Du diesen Stich in der Brust, wenn Du alte Kriegsfilme siehst? Bist Du ein Hagen von Tronje oder ein falscher Hase?

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Man sollte nicht über Dinge schreiben, die man nicht selbst erlebt hat.
    - So etwas habe und würde ich nicht behaupten. Aber es gibt Erlebnisse, die wirken nur aus der Distanz. Authentisch sind nur die Erzählungen - also gibt es den Erzählungen auch nichts anzufügen, ansonsten würde diese Wirklichkeit zerstört werden - deshalb die bruchstückhaften Bilder. Oder anders: sich an so etwas zu wagen, ist ein Wagnis.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Lieber Hagen, ich habe deine Geschichte mit be-hagen (Als ein Nibelunge erscheinst du mir nicht) gelesen. Ich finde, deine Geschichte hat Humor. Es wundert mich, dass ich der erste bin, der das festgestellt hat; vielleicht bin ich auch nur etwas perverser als die anderen.
    Es wäre schade, wenn die Diskussion um diesen Text schon einschliefe, deshalb folgt hier nun der erste Teil meiner Anmerkungen:
    ------
    Daß der Sarg zu eng ist, ist kein Problem, vielmehr belastet, daß die Erinnerungen gelöscht werden. [Es ist mutig, eine Geschichte mit einem Satz zu beginnen, der zwei dass enthält. Das macht es nicht einfach. Wenn ich den Text richtig verstehe, ist er aus dem Grabe geschrieben - ist der Protagonist scheintot?]
    [...]
    Nachts. [Warum hier nicht die einfache Nacht? Oder, besser, warum ist es nicht mit dem nächsten Satz gekoppelt: Ohne Licht findet man nachts (in der Nacht?) nichts. Das wäre m. E. organischer.]
    Also: Es ist unvermeidlich [,] die kalte, gelblich scheinende [scheint die Leuchte ihm gelb wegen seines Schlaganfalls oder leuchtet sie gelb?] Küchenleuchte einzuschalten, auch wenn es den Schmerz verstärkt.[Was verstärkt den Schmerz, das Licht oder die Tätigkeit des Einschaltens]
    [...]
    Auch hier erfolgt ein Fehlgriff, aber der dritte Versuch führte [Warum ist hier ein Wechsel der Zeit?] zum Erfolg. Jetzt fehlte nur noch das Glas, das ich [Ich ist zum erstenmal da. Warum an dieser Stelle? Warum überhaupt, wenn ich doch anschließend wieder verschwindet.] mühsam aus dem Regal hole.
    [...]Das Mineralwasser zischt [Zischt Mineralwasser, das im Glas sprudelt?],... [...]
    ...es trifft auf die Kante des Wasserglases und stürzt ... und schlägt zu Boden. [Verdammt noch mal, wie schwer ist diese Tablette eigentlich? Oder empfindet der Protagonist nur auf diese Weise? Dann sollte das deutlicher gemacht werden.] Beim Bücken und [S]uchen der kleinen verfluchten [...oder ist sie nur verflucht klein?], weißen Scheibe [Eine Tablette ist keine Scheibe!] pocht der Schmerz...[...]
    Endlich, nein[,] natürlich, eine ist zu wenig, die gleiche Prozedur von vorne, nein, das mit dem Danebenfallen darf nicht noch einmal passieren, wird das Wasser noch trüber durch die Beigabe der zweiten Tablette. [Warum dieses seltsame Ineinanderverschieben zweier zeitlich getrennter Vorgänge in einen Satz? Deutest du hier wieder auf den Schlaganfall hin? Es klingt aber ungeschickt.][...]
    Erneut nehme ich die Flasche [Welche Flasche denn? Der Bezug zur Mineralwasserflasche neun Sätze weiter oben ist nicht mehr da.]...
    [...]
    ------
    Gut, wir haben also zwei Aspirin genommen. Das kann ich gut nachvollziehen. Es wäre aber doch interessanter, mehr von der Stimmung und den Eindrücken des leidenden Protagonisten zu hören.
    Teil zwei und meine Würdigung des Inhaltes folgen ein andermal.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  7. #7
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Lieber Hagen! meine Frage zielte auf Dein künstlerisches Selbstverst?ndnis: Empfindest Du Dich als Dichter oder als Schriftsteller? Wenn ich das weiß, habe ich eine jeweils genuine Lesart parat.

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Lieber Klammer,
    erst mal danke ich Dir für Deine Mühe, die Du dir machtest.
    Man merkt, Klammer leidet nicht an Migräne. Migränekopfschmerz ist nicht nur ein gräßlicher Schmerz, sondern er geht bis zur Koordinations- und Wahrnehmungsverschiebung. So wird Licht als äußerst schmerzhaft wahrgenommen, Migränegeschädigte liegen meist in abgedunkelten Räumen. Soviel zum Krankheitsbild.
    Die Ebenen:
    Der erste Abschnitt beschreibt die Empfindungen (des Migränegeschädigten) beim Tod der Großmutter.
    Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit dem Schmerz, der hier jedoch physisch erleidet wird.
    Abschnitte drei und vier sind der Erinnerung an die Großmutter gewidmet.
    Der Schluß bezieht sich darauf, daß der Kopfschmerzgeplagte ebenfall stirbt (eine Andeutung ist mit Nebenwirkung und Herzstillstand hergestellt).
    Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit dem Tod des Enkels. Hier ist die Enge des Sarges kein Problem mehr, nicht orginäres Leben wird ausgelöscht, sondern die Erinnerung von Erlebtem.

    Die sprachlichen Fehlgriffe gestehe ich ein. Ich tue mir immer schwer, einen Text nachdem er einmal geschrieben wurde, nochmals durchzulesen. Ich weiß, daß das ein Fehler ist. Aber selbst wenn man es nochmals liest, stolpert man über seine eigenen Füße, deshalb bin ich für Anregungen und Hinweise dankbar.
    Aber konkret:
    "Nacht" gefällt mir nicht, ist ein Substantiv. Es sollte hier mehr der Verlauf sein, die Tageszeit ist mehr der Wehklag, die zusätzlichen Umstände, die das Ganz so schwer machen.
    [scheint die Leuchte ihm gelb wegen seines Schlaganfalls oder leuchtet sie gelb?] Gelb ist hier im Forum eine beliebte Farbe (sic!). Nein, es liebt nur an den vergilbten Leuchtstoffröhren, die den Geist nie aufgeben.
    [Was verstärkt den Schmerz, das Licht oder die Tätigkeit des Einschaltens?] Die Frage ist berechtigt, ich stellte den Bezug nicht korrekt dar! (- das Licht - wie man bei den Ausführungen über die Krankheit lesen kann.)
    Dieser Teil stand zuerst komplett in Vergangenheit - dann erkannte ich, daß ich alles auf Gegenwart umstellen muß und übersah das "führte". Danke für den Hinweis.
    Es klingt aber ungeschickt.][...]
    Vielleicht. Die Wahrnehmung verschiebt sich, Zeiten greifen ineinander. Ich wünsche keinem Migräne, aber interessant ist das Krankheitsbild allemal. Es hat etwas Rauschmäßiges.

    Wie sich die Zeiten wandeln. Früher diskutierte man solche Dinge im Cafe, jetzt im Internet. Ich glaube, ich werde alt.

    Gruß
    Hagen

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Lieber Klammer,
    erst mal danke ich Dir für Deine Mühe, die Du dir machtest.
    Man merkt, Klammer leidet nicht an Migräne. Migränekopfschmerz ist nicht nur ein gräßlicher Schmerz, sondern er geht bis zur Koordinations- und Wahrnehmungsverschiebung. So wird Licht als äußerst schmerzhaft wahrgenommen, Migränegeschädigte liegen meist in abgedunkelten Räumen. Soviel zum Krankheitsbild.
    Die Ebenen:
    Der erste Abschnitt beschreibt die Empfindungen (des Migränegeschädigten) beim Tod der Großmutter.
    Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit dem Schmerz, der hier jedoch physisch erleidet wird.
    Abschnitte drei und vier sind der Erinnerung an die Großmutter gewidmet.
    Der Schluß bezieht sich darauf, daß der Kopfschmerzgeplagte ebenfall stirbt (eine Andeutung ist mit Nebenwirkung und Herzstillstand hergestellt).
    Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit dem Tod des Enkels. Hier ist die Enge des Sarges kein Problem mehr, nicht orginäres Leben wird ausgelöscht, sondern die Erinnerung von Erlebtem.

    Die sprachlichen Fehlgriffe gestehe ich ein. Ich tue mir immer schwer, einen Text nachdem er einmal geschrieben wurde, nochmals durchzulesen. Ich weiß, daß das ein Fehler ist. Aber selbst wenn man es nochmals liest, stolpert man über seine eigenen Füße, deshalb bin ich für Anregungen und Hinweise dankbar.
    Aber konkret:
    "Nacht" gefällt mir nicht, ist ein Substantiv. Es sollte hier mehr der Verlauf sein, die Tageszeit ist mehr der Wehklag, die zusätzlichen Umstände, die das Ganz so schwer machen.
    [scheint die Leuchte ihm gelb wegen seines Schlaganfalls oder leuchtet sie gelb?] Gelb ist hier im Forum eine beliebte Farbe (sic!). Nein, es liebt nur an den vergilbten Leuchtstoffröhren, die den Geist nie aufgeben.
    [Was verstärkt den Schmerz, das Licht oder die Tätigkeit des Einschaltens?] Die Frage ist berechtigt, ich stellte den Bezug nicht korrekt dar! (- das Licht - wie man bei den Ausführungen über die Krankheit lesen kann.)
    Dieser Teil stand zuerst komplett in Vergangenheit - dann erkannte ich, daß ich alles auf Gegenwart umstellen muß und übersah das "führte". Danke für den Hinweis.
    Es klingt aber ungeschickt.][...]
    Vielleicht. Die Wahrnehmung verschiebt sich, Zeiten greifen ineinander. Ich wünsche keinem Migräne, aber interessant ist das Krankheitsbild allemal. Es hat etwas Rauschmäßiges.

    Wie sich die Zeiten wandeln. Früher diskutierte man solche Dinge im Cafe, jetzt im Internet. Ich glaube, ich werde alt.

    Lieber Robert,
    deine Frage ist schwierig zu beantworten.
    Ich will hier nicht Begriffsdefinitionen bemühen, stelle mir aber bei der Frage, was diskriminiert die Begriffe Dichter und Schriftsteller, welche Kriterien sind integriert?
    Der Dichter ist mehr an Sprachkunstwerken orientiert (bei Dichter assoziiere ich immer George!), Schriftsteller sind welterfahrender, nicht so nah an der Sprache. Dichter sind mehr der Phantasie, dem Inspirativen zugeordnet, Schriftsteller mehr dem Rationalen. Ich tendiere aus diesen Überlegungen heraus mehr zum Schriftsteller. Nichtsdestoweniger bin ich an beiden Varianten interessiert - diplomatisch zerteile ich den Text
    Kopfschmerz = Schriftsteller
    Erinnerungsfetzen = Dichter?
    Ich finde Deine Frage äußerst interessant, Deine Antwort noch mehr.
    Gruß Hagen

    [Diese Nachricht wurde von hagen am 11. Mai 2001 editiert.]

  10. #10
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Lieber Hagen,

    du hast Recht: Klammer neigt zwar zu Übergewicht und kämpft alle zwei Jahre mit einer durchaus dramatisch empfundenen Erkältung, ist aber ansonsten ein gesundes Kerlchen.
    Migräne war mir zwar durch Anschauung und Berichte Leidender bekannt, da ich jedoch den Text fehlerhaft interpretiert, oder ihn, genauer ausgedrückt, auf meine Weise gelesen hatte, kam ich nicht auf die Idee, es könne im ersten Abschnitt des Textes das Krankheitsbild der Migräne gemeint sein. Vielleicht weil ich mit Dürrenmatt übereinstimme, dass eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, hielt ich es für die Symptome eines Schlaganfalls. Migräne kann jedoch keine Entschuldigung für sprachliche Ungeschicktheiten sein; oder hattest du Migräne, als der Text entstand?
    Als "im besten Sinne konservativer" Autor dachte ich beim Lesen nicht an die Möglichkeit, dass die Erzählebenen so sprunghaft sein könnten - schade, der Text war mir dadurch origineller und gewitzter, als er mir jetzt erscheint: Ich las das Ganze als die Erinnerungsfetzen eines im Krematorium zur Verbrennung Aufgebahrten: ein paar letzte Ströme, die durch die neuronalen Netze fließen, ganz am Schluss, bevor alles vorbei ist, eine Art Resümee, das durch die Verbrennung kein Ende findet.
    Ich stimme Robert zu: Der zweite Teil des Textes ist interessanter zu lesen, denn er beschreibt das schmerzliche Phänomen, dass die Erinnerungen der Menschen, die von uns gehen, nicht bleiben, dass der Versuch, sich an sie zu klammern, scheitern muss. Was bleibt, sind ein paar Zahlen auf einer Grabstelle und das historische Gerüst, dem Leben und damit Nachvollziehbarkeit fehlen. Oder, wie es Hegel formuliert: Der Tod ist das Furchtbarste, und das Tote festzuhalten, ist das, was die größte Kraft erfordert.

    Aber ich merke schon wieder, dass ich zu viel schreibe. Wie schaffen es nur die anderen, sich so kurz zu fassen? Für die aphoristischen Formulierungen, die in Foren üblich sind, bin ich ganz offenbar ungeeignet.

    Aber ich will noch etwas über Roberts künstliche Trennung von Schriftsteller und Dichter sagen. Sie erinnert mich fatal an den verlogenen Dualismus von Geist und Körper, der unsere Kulturgeschichte überschattet. Bringt es wirklich einen Erkenntnisgewinn, wenn man eine Einheit seziert und ihre Einzelteile definiert? Danach passen diese Puzzleteile plötzlich nicht mehr zusammen.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  11. #11
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Lieber Klammer,
    danke für deine erhellenden Gedanken. Es bleibt jedem unbenommen, wie er eine Geschichte für sich dreht und wendet. Deine Interpretation hat etwas - die Zeitsprünge sind artifiziell und deshalb sicher nicht sofort erkenntlich. Dadurch stellt sich natürlich sofort die Frage, in wie weit es sinnvoll ist, die eigentliche Intention freizulegen? Es zerstört einerseits die Wirklichkeit der Lesenden, andererseits erscheint eine andere, ursprünglichere Realität. Ich bin mir nicht sicher. Es wäre eine Diskussion wert.

    Gruß
    hagen

  12. #12
    rodbertus
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

    Ja, Hagen, interessant. Ist auch eines meiner Lieblingsthemen. Die erste prinzipielle Unterscheidung traf meiner Meinung nach Schiller, als er in Naiver und Sentimentalischer Dichtung behauptete, daß der Dichter die Erde niemals verlasse, der Schriftsteller dagegen (im Grunde seines Herzens) nur ein Akrobat, mithin ein Fliegenwollender und Hansdampf des Wortes sei. Und, ich möchte das hier betonen: Damit ist keine Wertung, keine Hierarchie anzuzeigen.

    Ich glaube, wir haben da beide eine ähnliche Auffassung, wenn ich hier Schiller mal für mich reklamiere und Deinen Text als den eines Schriftstellers betrachte.

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Trauermarsch - Kurzgeschichte

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