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Thema: Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

    Vorrede eines bildungspolitischen Sprechers: Weil doch gerade in B. der Bär tanzt. Hier ein Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen PDS und SPD ueber Vergangenheit und Zukunft, maßvoll unterbrochen vom fleischgewordenen schlechten Gewissen beider, manifestiert in einem Es, dem man es ansehen könnte, daß die Tage der stillen Einkehr weit zurückliegen müssen.

    Bei der Kritik bitte ich zu bedenken, daß dieser Beitrag aus dem Herzen und dem Hirn gleichermaßen stammt, also mit Literatur nicht viel zu tun haben kann. 1988 im Sommer war's, als er erstmals geschrieben wurde; heute nun nur ein wenig modifiziert...


    (KRACHENDER GONGSCHLAG. BÜHNE DUNKEL. DIE GESICHTER STANIOLS UND FRIEDRICHS STRAHLT EIN SPOT AN. VON UNTEN ERSCHEINT EINE URALTE ZWERGENGESTALT MIT ZUM HIPPIEZOPF ZERZAUSTER KLASSISCHER PERÜCKE, JOINT UND WEIßEM GEWAND, UNTER DEM ARM EINEN LAPTOP, IN DER ANDEREN HAND EIN FUNKTELEFON. DIE GESTALT BEWEGT SICH ZUM TISCH, NIMMT IHN ABER NICHT WAHR.)

    Es:
    Plagen, nichts als Plagen. (umkreist den Tisch) Welches Phänomen es ist, die eigene Wahrheit zu finden, die Selbstbestimmung. Geb's Gott, daß die zum Spielball des Einzelnen in eigner Hand würde. Hab ich nicht immer dafür gekämpft? Und jetzt, so hör' ich diese Schreihälse lamentieren... Zweifel. Da wächst der Haß gegen mich selbst, gegen meine Räson. (wütend) Hinweg! Hinweg, Affekt!- Handwerker sind sie, die aus schnödem Lohn der Macht die Menschen äffend Macht sich machen! Ha! Glüht in deren Brust noch tiefe Sehnsucht, tiefergehnder Drang nach Wahrheit? Kaum. Die glauben nicht mal an die eigne Sache, darum wird ihnen nirgendwo und nirgendwann geglaubt...- Sie können nichts ergreifen, sind selber nicht ergriffen und grapschen wild nach eben etwas Festem, so wie sie's glauben, sei dies Macht.
    Oft fragt man mich - Freund aus fernen Tagen - sind ewig denn die Laffen, die stummen Herzens Beifall tun, indem sie lügend Gegenworte wagen, ernst nehmen diese Flut an Lügen, erlogne Paritäten schürzen, schaffen, schöntun...- Wie wahr! Kein Heiligtum betreten sie, statt dessen schaden sie mit schleierloser Wirklichkeit! Wirklichkeit!? Wirklichkeit? Mit Spinnenweben eingeriebener Geist, verglichen morastigem Ende vergolten. Vergilbte Seelen ohne harnischt Streben, verletzt bis in die Fingerspitzen, ungetragen verkrusteter Unkunst geschuldet. Sie dümpeln im Vagen und zahlen sich's ungezählt heim, was sie nicht ins Tatsächliche zu tragen schafften.- Was sie nicht ins Tatsächliche zu schaffen wünschten!- Wahrheit, liebgewordne Gefährtin, ich frug mich längst, wie lange noch wir ungeschürzte Fingerspitzen im heißen Brei wohl würden halten können. Jetzt zieh sie schnell heraus, bevor die Klebrigkeit des Ungeratnen dir noch die feingefühlte...- Kein Wort mehr! Doch wie nun weiter? In welche Richtung können diese Menschen gehen? (nach einigem überlegen, wobei er um den Tisch mit Staniol und Friedrichs läuft) Sich mit Seinesgleichen finden, verbinden, sich ketten, beschränken und abgrenzen, ist das ein ehrbares Ziel? Und wo soll'n Rat sie holen? - Laßt Goethen, Metternichs und Webern sie bedienen! Das ewig Gestrige ist so formvollendet geeignet im zeitlos opportunen Suchen nach Weiterleben. Ja, die sind geschlagen mit natürlich blickenden Augen. Ein aufgesetztes Naturempfinden steht vorn an, eine haltlose Sehnsucht ins Blaue hinein, das alles durch romantische Ungebundenheitslügen verklärt. Grauslig. (entfernt sich vom Tisch) Ein Mirakel jagt so das andere.- Nannte man dies Zeitalter nicht das der Protektorate! Und derweil liegt die Wahrheit nur in ihnen selbst, und sie entleiben sie mit jedem politischen Gedanken, mit ihren Träumen von der Hypernation. Aber aber! - Sich selbst zu bekennen heißt wohl, sich fein zu sein. Das ist, meine ich, ein Lebenssinn. (sich besinnend) Muß zum Geheimen Rat. (im Abgehen) Und wenn man nun meine Illusion vom Glück in einem anderen Sinne interpretieren wollte! (Ab.)

  2. #2
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

    Ich glaube, das schrieb sich so heraus, aus dunklem Wollen schrieb es sich heraus und kam zu uns. Aber ist es nicht grotesk, eine solche Sprache auf moderne Bühnen bringen zu wollen?


    Andererseits, es ist unterhaltsam, zehn Minuten lang. Wie den Rest der Zeit füllen?

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

    Plagen, nichts als Plagen. (umkreist den Tisch)
    Welches Phänomen es ist, die eigene Wahrheit zu finden, die Selbstbestimmung.
    Geb's Gott, daß die zum Spielball des Einzelnen in eigner Hand würde.
    Hab ich nicht immer dafür gekämpft?


    Und jetzt, so hör' ich diese Schreihälse lamentieren...
    Zweifel. Da wächst der Haß gegen mich selbst, gegen meine Räson.
    (wütend) Hinweg! Hinweg, Affekt!-


    Handwerker sind sie, die aus schnödem Lohn der Macht die Menschen äffend Macht sich machen! Ha!
    Glüht in deren Brust noch tiefe Sehnsucht, tiefergehnder Drang nach Wahrheit?
    Kaum.


    Die glauben nicht mal an die eigne Sache, darum wird ihnen nirgendwo und nirgendwann geglaubt...-
    Sie können nichts ergreifen,
    sind selber nicht ergriffen und grapschen wild nach eben etwas Festem, so wie sie's
    glauben, sei dies Macht.


    Versuchs mal so. Da fehlt die Struktur. Der Schluß ist wirklich schön, wenn man es ganz, ganz langsam liest. Du mußt die Leute zwingen, es zu tun, sonst gehen sie mit einem Kopfschütteln drüber, es wird zum Gefasel.
    (Vergleich' es mal mit dem Monolog der Elisabeth im Maria Stuart, 4. Aufzug glaube ich).
    Hm. Dann fehlt noch die emotionale Erdung. Und, wohlgemerkt: so einen Monolog verträgt ein Stück ein- oder zwei Mal auf seinem dramaturgischen Höhepunkt, mehr nicht.


    Außerdem wirst Du diese Sprache niemals mit der ersten Szene in Einklang bringen.


    it

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

    Wir werden, so dieser Text jemals losgelassen wird und eine Nummer bekommt, Dir im Vorwort ein Denkmal setzen.


    Ein psychologisches Problem steht noch: Wie kann man sich von einem unliebsamen Kind emotional trennen? (Das ist wie die Frage vor Gericht: Wann haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen?)

    Die Plagen-Geschichte will sich nicht mitteilen. Zu abstrakt. Ein Bild muß her!
    Die Vereinfachung der Sprache tut hier not. Also weg mit klassischem Bimbamborium!


    Versuch später.

  5. #5
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    AW: Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

    Laut Pro7 wollen 56% Gysi als Berliner Bürgermeister. Sollten wir drüber nachdenken?

    Jetzt hab ich jemanden gefunden, der redet wie einige der Personen in diesem Stück, er heißt Jose Bove, ist 48 und philosophierender Bauer aus Frankreich. Neulich warf er Steine auf ein McDonald-"Restaurant". Was für ein sympathischer Mensch! Halt! Man darf doch nicht die Mittel heiligen, weil der Zweck edel.
    Also, dieses Mensch sagt, daß es die Menschheit mit einer furchterregenden, totalitären Ideologie zu tun habe, deren Hohepriester (gemeint sind die Reichen und Nutznießer des Neoliberalismus, die Kapitalisten, Schweizer Bankiers und Bildungsbürger aus Kleinoberammergau, die Hamburger Reedertöchter und die Bogumile aus Niedertrontheim oder die Hohepriester des Mammon aus Neu Yorkus, eben all die wollen Opium unters Volk bringen, indem sie dem sich die Nase an den Fensterscheiben plattdrückenden Volke weismachen, daß die Marktwirtschaft nicht nur ihre Hütten zerstörte, sondern ihnen den Segen eines blecheisernen Videorekorders besorgen würde. Was weiß ich!

    Dieser Typ mußt hier ins Zentrum gestellt werden; der trägt Schillers Zopf und lamentiert volksnah. Bleibt nur das kleine Problem mit dem Mittel und dem Zweck..

    [Diese Nachricht wurde von Robert am 13. Juli 2001 editiert.]

  6. #6
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    AW: Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

    Hi Robert,
    ich mag keine Anachronismen auf dem Theaterboden. Mir ist hagens Ansatz bodenständiger. Die Welt ist absurd, besonders die politische und braucht die absurde Überhöhung und nicht den Griff in die rhetorische Mottenkiste. Der moderne Theaterbesucher soll aus der Rave und Hip-hop Szene kommen und will Versatzstücke wieder erkennen. Angeschwollene Dialoge blähen ihm nur unnötig sein kaum noch vorhandenes Kleinhirn auf.
    Subtil die Botschaften beim Zusammenhämmern eines Kruzifixes auf der Bühne unters Volk bringen...das wär's. Tu Dich mit hagen zusammen, der kann kurze Dialoge schreiben, ich nenn Euch dann eine Rapper-Formation für den background-Gesang und fertig.
    Wäre doch gelacht, wenn wir so nicht eine Botschaft heraushämmern könnten. Ist eh alles faul im Staate Dänemark oder so.

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post "Zwischen den Welten" - eine Einführung

    Bitte schön! Ich bin mit dem Lektorat fertig. Fehler inbegriffen. Hier der Text des Nachwortes. Textprobe und I-net-Seite werden vorbereitet.

    aus dem Nachwort: Die Idee zum Stück entstand im Sommer 1988, als Uwe Schmidt (Schwarzes Pferd) und Robert-Christian Knorr (aerolith) in der Nähe Magdeburgs am Pretziner Wehr gemeinsam Urlaub machten und auf einer Bootsfahrt darüber nachdachten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten.
    In der deutschen Außeninnenpolitik näherten sich zu dieser Zeit SED und SPD nach einem Thesenpapier aus dem Jahre 1987 zur Eindämmung des Kalten Krieges an, was die Frage aufwarf, inwiefern DDR, BRÖ und BRD zu selbständigem politischen Handeln überhaupt befähigt sein konnten, denn Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehört, eine politisch selbständige Einheit zu sein. Und sponn man diesen Faden weiter, so mußte die Frage im Raum stehen, ob Deutschland als politischer Verband überhaupt im internationalen Konzert der Mächte jemals eine Rolle würde spielen dürfen, denn ganz gleich, was Deutschland behaupten würde, die Umwohner würden ihm nicht glauben, daß es nicht vorhabe, auch nur irgendeine Rolle zu spielen.
    Dieses Fragen verbot sich 1988, zumal in der DDR, eigentlich. Wer's dennoch wagte, der mußte schnell mit Repressalien durch Stasi oder Parteisekretäre rechnen, die Kollegen und Freunde betrachteten solches Fragen als - gelinde gesagt - Spinnerei. Das hatte seine tieferen Ursachen darin, daß die DDR als politisches Äquivalent zur BRD angetreten ward, es für die DDR als Staat also immer nur darum gehen konnte, sich gegen die BRD zu profilieren. Das begann bereits in den ersten Jahren der Existenz der DDR. Man sann seinerzeit darauf - berühmt wurde Stalins Neutralitätsangebot von 1953 -, die BRD ins eigene Boot zu holen, köderte diese mit einem Neutralitätsangebot, das derzeit nur den Russen genutzt hätte , und den Deutschen natürlich; es hätte die Westeinbindung der BRD verhindert und Europa bereits zu diesem Zeitpunkt auf eigene politische Füße gestellt - denn wäre es bei einem neutralen Deutschland geblieben? Hätten die Deutschen sich russifizieren lassen? Wären wirtschaftliche Interessen nicht in erster Linie zum Nutzen aller Europäer dingbar und veritabel geworden?
    Es sind dies keine Fragen von vordergründig heutigem Interesse, sie sind interessant für die Menschen in der DDR, denn diese befaßten sich Jahre mit Eventualitäten, brüteten in einem Anfall nationaler Borniertheit in ihrem eingezäunten sozialistischen Paradies über Lebensentwürfe.
    Im Westen Deutschlands dagegen ergriff man stolz die Welt, war auf eben die von den Ostlern so mißfällig betrachtete Westeinbindung um 1987, da dieser Text erstmals entstand, stolz. (Erst in den letzten Jahren dämmert es vielen westdeutschen Intellektuellen, daß da noch etwas anderes sein müsse als the american way of life.) In der DDR dämmerte es zu dieser Zeit bereits einzelnen Intellektuellen (genannt sei hier v.a. Friedrich Schorlemmer, der seinerzeit bereits von sich reden machte), daß der Sozialismus auf deutschem Boden ausgespielt habe. Zu gravierend waren die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen einem erstarrten und wenig öffnungsbereiten Land diesseits und einem weltoffenen global agierenden Wirtschaftsverbundssystem jenseits der Elbe.
    Aber das war und ist nur die halbe Wahrheit, wie wir Heutigen wissen. Deutschland ist kein Land des Westens, es widerspricht dem Naturell der meisten hier lebenden Menschen, sich in einer Art pragmatischer Sanktion die Korrektheit selbst zu schnüren und die Freiheiten innerhalb des selbstgeschnürten Korsetts dann als Freiheit zu deklarieren. Die Deutschen greifen in die Welt, sie nehmen sich (nicht als Nation, sondern als humanistisch gebildetes Einzelwesen) als Vorbild, sie greifen mit vollen Händen und sind bereit, sich selbst besser zu machen, um dann anderen zu dienen. Kein Volk spendet so viel wie die Deutschen. Man könnte noch sehr viel mehr darüber schreiben, es einbetten in die großen Gedankenströme der Zeit, der Vergangenheit, der Zukunft. Wir haben das in unserem Manifest getan. Und weil dort alles steht, soll hier noch ein Wort zum Autoren gesagt sein:
    Uwe Schmidt, Jahrgang 1964, lebt als Bauunternehmer und dreifacher Familienvater in Erfurt. Er hat die DDR durchmessen und erlitten, steht der BRD kritisch gegenüber. Sein eigentliches Interesse dreht sich um die Wurzeln unseres Daseins. Er sucht Urgründe und Quellen der Menschheit, seiner selbst. Den vorliegenden Text hat er nicht publizieren wollen. Aus einem dem Lektoren unerfindlichen Grund schämt er sich für diese "Jugendsünde". Weiß Gott! Jeder Schriftsteller hat diese Jugendsünden. Wären sie nicht in der Öffentlichkeit kritisch besprochen worden, so hätten wir keine großen Schriftsteller aus ihnen werden sehen. Jeder Text hat, sofern der Autor es ernst damit meint, sein Recht auf Publikation.
    In unserem Text, der die Genre-Bezeichnung GROTESKE trägt, geht es vordergründig um den letzten Konzertauftritt eines Rocksängers, der im Westen wenig gelitten ist, den Osten selbst aber nicht lieben kann, dennoch in den Osten fährt, um seine Hoffnungen auszuleben. Dieses Konzert ist der Anlaß für viele Jugendliche und Junggebliebe, eine Pilgerfahrt zu unternehmen. Man kommt sich näher, das gemeinsame Ziel bringt verschiedene Menschen zusammen. Der Anlaß wird so zu einem poetischen Raum, in dem Begegnungen möglich sind, die keinen so zurücklassen, wie er zuvor war. Der formelle Rahmen wird zudem durch eine Annahme des Schnitzlerschen Reigengedankens gesetzt. Das ermöglicht dem Autoren, seine Figuren auszuleuchten, ihre Facetten anzuzeigen. Unterstützt wird dies durch bühnentechnische Möglichkeiten der Beleuchtung beziehungsweise Bühnenorganisation, die dem Leser einen poetischen Raum schaffen, in dem er eigenen Gedanken einbringt.
    Grotesk ist es, wenn eine dem Leser bekannte Situation in ihrem Sinn verdreht wird, so daß etwas Besonderes angezeigt wird, was für gewöhnlich nicht wahrgenommen wird. Dramentechnisch bedeutet das die Einführung von skurrilen und phantastischen Momenten, Momenten des Spiels und der Verdrehung von Wahrheit, Spiel mit Wahrheiten, Übertreibung von Alltäglichem usw. Die WAHRHEIT wird bei Schmidt zu einem Mittel des dramatischen Spiels, ist kein Selbstwert mehr, den es streitend zu erringen gilt. (Auch das ist grotesk.) In diesem Metier der Übertreibung ist Schmidt zu Hause. Man kann das sardonische Lachen hinter der Farce einer abstrusen Wahl hören, die verzerrenden Geräusche beim Singsang alter Weisen, die Stechschrittparaden völkischen Aufbegehrens, Schmidts ganze Wut gegen diese Facetten westlicher Demokratie - die er als Depravation des Gedankens eines harmonischen und liebevollen Miteinanders ansieht, weil sie den Menschen nur vorheuchelt, daß sie selbstbestimmt seien...
    Insofern ist das Stück ein Gutteil Gesellschaftskritik, die dem Zuschauer beziehungsweise Leser spielerisch vermittelt wird. Aber der Leser hat hier auch schwer zu tragen, die retardierenden Elemente sind die Stärke Schmidts nicht. Und kritisch muß hier auch vermerkt sein, daß es nicht die Sprache ist, die den poetischen Raum schafft, sondern die Vielzahl der Einfälle, das Gesamtkonstrukt des Stückes.


    Laß dich verführen und entführen, geneigter Leser, in eine Welt des Scheins, in dem nichts so ist, wie es sein könnte, aber alles so ist, wie es eben nur sein kann, wenn man das Pferd von hinten aufzäumt.


    Magdeburg, im Herbst 2002

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

    andere Szene aus dem Werk "Zwischen den Welten"

    (Autobahnraststätte Richtung Berlin. Viele Tramper liegen, stehen oder sitzen herum. Hagen liegt ausgestreckt auf einer Bank. Sein Seesack steht so neben der Bank, daß er ihm als Kopfkissen dienen kann.)
    Sandra: (Schafwollpullover, in Strähnen gefärbtes Haar, kleine Tasche.) Ist dieser Platz noch frei? (Sandra weist auf das Eckchen der Bank neben Hagens Füßen. Beide starren einander an. Hagen steht auf und reinigt die Bank vom Dreck seiner Schuhe. Er setzt sich dann auf diese Stelle.)
    Hagen:
    Na klar doch! Setz dich! Ich bin Hagen.
    Sandra: (setzt sich an das einstige Kopfende) Rauchst du eine mit?
    Hagen:Gern. (nimmt sich aus einer angebotenen Zigarettenschachtel eine Zigarette, läßt sich Feuer geben, zieht und hustet) Mann, was ist denn das für ein Kraut? (tritt die Zigarette wütend auf dem Boden aus)
    Sandra: (lacht wie in Szene 2) Mojo-Filter bestimmt nicht. Bei diesem Test fallen die Bunten regelmäßig durch.
    Hagen: Das darf doch nicht wahr sein; schon wieder 'ne Mutter.
    Sandra: Wann bist du geboren?
    Hagen: Jetzt reicht?s! Ich bin kein Kiosk. Hau ab, Mann!
    Sandra: (will gehen) Schon gut.
    Hagen: 19. April '72. Wozu das denn?
    Sandra: Moment. Dein Geburtsdatum bestimmt deinen Charakter und dein Schicksal.
    Hagen: Quatsch. Hexenmist. Wer mag daran schon glauben? Ich jedenfalls tu es nicht!
    Sandra: Was heißt hier glauben? Hat nicht jedes Ich seinen Platz in Raum und Zeit?
    Hagen: Schon. Es ist aber alles unsicher mit diesem Zeug.
    Sandra: Was ist sicherer, als daß Erden um Sonnen kreisen, daß Planeten ihre Bahn ziehen? - Ein Menschenalter verschwindet in dieser Ewigkeit. Die Erfahrung vieler Generationen erklärt auch dich und deine Existenz. Du kannst dich darin wiederfinden, dich wiedererkennen. Das ist Leben, die Suche und der Glaube daran.
    Hagen: Mann o Mann! Wo hast du denn das her? Soviel Affenscheiße habe ich lange nicht mehr fressen sollen.
    Sandra: Diese Dinge geschehen auch ohne deine Kenntnis.- Nur dachte ich...
    Hagen: Also, Mütterchen, ich dachte eigentlich, du erzählst mir was über mich und schwebst nicht irgendwo zwischen Himmel und Borke herum.
    Sandra: Ja, entschuldige. Also, April, Mitte April '72?- Dann bist du das Prachtexemplar einer Ratte.
    Hagen: Was?
    Sandra: Die in deinem Geburtsjahr Geborenen sind besonders widersprüchlich: Sie sind liebenswürdig und zugleich parasitär, leutselig und dennoch eigenbrötlerisch. Du wirst viele versteckte unentwickelte Eigenschaften besitzen. Der April mit dem Spätwidder dürfte das alles noch verstärken. Deshalb sagte ich Prachtexemplar.
    Hagen: Ich bin also eine kräftige Rattennatur. Eine Schmeichlerin bist du nicht.- Was ist mit Sex? Kennst du dich darin auch so gut aus, Mütterchen?
    Sandra: Was den Sex betrifft, das steht in deiner Hand. (Hagen zögert.) Nun gib schon!- Die Schicksalslinie fehlt. Also machst du dir nichts aus Geld. Nach der Herzlinie zu urteilen...; ich glaube, du unterwirfst dich, doch gleichzeitig nimmst du dir Freiheiten.
    Hagen: Das war nicht schwer. So sind wir alle.- Erzähl mir was über eine Frau, die am 25. M?rz '79 geboren wurde!
    Sandra: Sie ist auch ein Widder, aber im Jahr der Schlange geboren, was heißt, daß sie ein zielstrebiger und willensstarker Typus ist, der viel denkt.
    Hagen: Ja, viel zu viel.
    Sandra: Sie verläßt sich nur auf eigene Eindrücke, ist sehr eifersüchtig und doch ewig untreu. Ein schlechter Verlierer. Die unterschwellige Fischkomponente bewirkt, daß sie das Erreichte nicht gerne teilt.- Ist das deine Frau...?
    Hagen: ...gewesen. Das war einmal. Ich hau ab! Soll sie andere entsaften und aussaugen! Mir reicht's! - Die stinkt mir wie Fisch. Hahaha, wie Fisch!
    Sandra: Du hast den dogmatischen Blick, Hagen. Der ist bei uns selten geworden. Unsere Krieger zog es nach Westen. Da sind die, die ich liebe. Hier blieben nur ein paar wehmütige Träumer und die unfruchtbaren Konsumruinen, die ihren Arsch in die Strömung hängen und im Sumpf der Meinungsmärkte bald bis zum Hals in der Scheiße stecken, der guten umweltfreundlichen, sozialmarktwirtschaftlichen Scheiße, wohin sie die Oligarchie auch wünscht. Das beruhigt alle so schön und läßt die Kurse steigen.
    Hagen: Das kenn ich! Diese Nation ist die Scheiße an und für sich, sagte Kalle Marx.
    Sandra: Nein, nein. Mit dem bandle ich nicht an. Meine Kämpfe sind ausgetragen. Es gibt vieles, was über den Türmen der Männerwelt steht. Geboren aus Gaia, aus der Liebe der Frau zu ihrem erdgeborenen Körper, wächst das selbsterzeugte Leben. Diese uns gegebene Fähigkeit läßt uns kreißen, jede Frau kann's, auch wenn sie heute noch glaubt, von außen empfangen zu müssen. Ihr Männer nutzt diese Fähigkeit, um euren Willen durch Frauen fortzupflanzen, weil ihr selbst unfähig zur Selbsterzeugung seid. Also liegt die Zukunft nicht in Marx oder Trotzki oder Adam Smith, sondern in der Frau, in ihrem Verlangen, sich Gaias Athem durch Meditation zu widmen, sich durch Kunstformen...
    Hagen: Entschuldige, daß ich dich unterbreche, aber Kunst ist nun wirklich was zum Arschabwischen. - Du mußt an die Macht kommen, diese Politwallache verjagen, dann wirst du auch Platz haben für deine Vermehrung.
    Sandra: Ha, Politik! Du hast mir nicht zugehört. Es muß so sein, daß Männer Politik benötigen. Und was ist Politik anderes als die Vielfalt der Meinungen, die sich feindlich gegenüberstehen? Welche Verständigung hast du da im Auge? Keine, nehme ich an! Meinungen müssen miteinander streiten, miteinander spielen und hoffen, dem Sinn des Lebens auf der Spur zu sein. Ja, diese Gesellschaft glaubt doch tatsächlich allen Ernstes, daß die Evolution auch für die Meinungsebene zuträfe! Sie werden's glauben, solange pervertierte Frauen partizipieren und dieses Gesellschaftsspiel möglich machen.- Allen diesen Menschen geht es um Macht, auch dir geht es um Macht.
    Hagen: Nein, mir geht es um das Danach!
    Sandra: Das sagt ihr alle! Dagegen Nostradamus: Das Reich des Tollwütigen, der den Weisen spielte, wird gereinigt! Das wird im Jahre 2050 geschehen. Wozu sich also Gedanken machen um Politik? Es findet sich alles und lohnt nicht den Kampf; zumindest kommt der Kampf ohne mich aus. Ich will nur Frau sein und Kunst machen für uns Frauen.
    Hagen: Na prima. So einfach ist das. Es lohnt nicht. Alles steht fest, alles ist Vorsehung! Und du bist weise genug, den Kampf Kampf sein zu lassen. Ich aber sage dir, daß man gegen Bullen und Bonzen kämpfen muß. Wir brauchen das totale Chaos, wir brauchen Tausende Hafenstraßen und abertausend Kreuzbergs.
    Sandra: Unsinn! Was folgte bisher jedem alten Establishment? Da muß die Immunschwäche Korruption nicht lange warten, bis der neue mächtige Körper die Resistenz verliert. Zeig mir das männliche System, das wahrhaft demokratisch ist und ich werde mit dir kämpfen, ich werde beten und alles tun, was notwendig ist! - Du schweigst. Das hat seinen Grund. Alles liegt im Menschen, wird von ihm gezeugt und auch wieder abgetrieben. Die letzte Revolution aber kann nur in der Frau stattfinden. Hier hat der Fortschritt seinen Ausgangspunkt, hier ist Fruchtbarkeit, unser aller Urgrund. Das Ich findet sich, reinigt jedes Ganglion und steht auf ohne den Schmutz des Patriarchats...
    Hagen: He, langsam! Wo willst du denn hin?
    Sandra: (hat weitergesprochen) Hast du schon einmal auf einer Wiese gelegen, ganz entspannt, und dich gesucht? Das ist der Augenblick, in dem Frau mit sich versöhnt ist, der Augenblick, da das Eigene das Ewige küßt. Da ist Wahrheit und alles Streben nur ein Ausdruck, dieses Eigene, Unumstößliche wieder und wieder zu küssen. Der Beweis des Glücks! Der Beweis des Eigenen und die Kinetik der Stagnation deines Kosmos'. Wirf die Kleider ab und fühl das Blut rauschen!- Kannst du begreifen, was sich alles bewegen muß, damit du dich nicht mehr bewegen kannst? Fühl die Schlacht zwischen dem Eigenen und dem, was die Welt dir als Eigenes vorgaukelt. Du mußt dich entscheiden, ob du zu den Geldseelen gehören willst, die die Welt knebeln mit ihrem Geldgeflüster oder ob du dich auf den Weg machen willst zu den Urstrahlen Gaias: "Kommt essen in meine innere Höhle, Treibgeflüster dort im Wandelbaren..." (Bühne wird dunkler. Langsame Musik, die allmählich in das folgende Lied übergeht.)

  9. #9
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    AW: Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"

    das ist so eine verdichtete gedankenfülle, die imponiert mir. zusätzlich zur miene des nachworts.
    was ich vorerst sagen kann: ich will das ganze stück lesen!
    mir wird nur ahnungsweise klar, warum breithaupts 1. lied überhaupt die szene rechtfertigen kann.
    mir wurde erst über das nachwort klar, daß hier zwei aus der ddr über eine ostanbindung ausgeforscht werden. zunächst verstand ich das, als würde zwei aus der brd über ihren ostanbindungswunsch befragt.
    diese ostanbindungsfrage zum samowar ist ja heute neu aktuell durch den katalysatorblick, den die islamisierung schuf.
    die lyrismen sind sehr schön, die sprache kräftig und klar. ihre inhalte mächtig und auf vielen ebenen zu lesen.
    am besten gefällt mir die pflicht zur wahrheit und das recht der jugend. huberidentifikation bei mir.
    der chor der verfassungen ist ein großer einfall!
    mehr nach mehr nachdenken darüber.

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