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Ergebnis 1 bis 7 von 7

Thema: Erster Text

  1. #1
    Neuling
    Laufkundschaft

    Erster Text

    An diesem Dienstag (60 Jahre später)

    Eine Woche hat noch immer einen Dienstag.
    Ein Jahr noch immer ein halbes Hundert.
    Der Krieg zum Glück nicht mehr.

    An diesem Dienstag übten die Kinder in der Schule das Rechtschreiben nach der Rechtschreibreform. Klaus wunderte sich, dass man Schifffahrt nun mit drei F schrieb. Das fand er sehr kompliziert. Lediglich einfache Wörter wie Krieg oder Grube waren gleich geblieben. Krieg und Grube, weiterhin mit G, wie schon vor 60 Jahren. Nur dass diese Wörter ihre Bedeutung für die Menschen an diesem Dienstag bereits fast vollkommen verloren hatten.

    An diesem Dienstag sprach Herr Faber, der von der Untersuchungskommission der deutschen Bundesregierung in die Wiederaufbereitungsanlage Sellafield geschickt worden war, in sein Diktiergerät: "Die englischen Arbeiter machen einen sehr guten Eindruck. Sie scheinen ihren Aufgaben mit dem angemessenen Ernst und dem nötigen Pflichtbewusstsein nachzugehen. Auch ihre Ausbildung und ihr Wissen sind überdurchschnittlich gut. Hinzu kommt die nahezu perfekte Technologie, die hier verwendet wird." Herr Faber war zufrieden mit sich und seinen Ergebnissen. Er war hier, um Berichte über die Fahrlässigkeit der Mitarbeiter und veraltete Technologie zu überprüfen. Nun hatte er alles überprüft und wollte in seinen Bericht schreiben: "Die Castor-Transporte zu dieser Anlage können weiterlaufen." Bevor Herr Faber jedoch den Bericht verfassen konnte, wollte man ihm noch die neuste Wiederaufbereitungsanlage vorführen. Diese lief zwar noch nicht einwandfrei, aber was machte das schon, bei so gut ausgebildetem Personal. Später konnte niemand herausfinden, was den Fehler auslöste, doch etwas ging schief, so dass Herr Faber und dreißig weitere Personen bei der Explosion eines Brennstabes in einem grellblauen Lichtblitz starben. Der Lichtblitz war schneller und tödlicher als jede Kugel. Auch war er wesentlich präziser, als der beste Scharfschütze es je hätte sein können. Scharfschützen sind heute nicht mehr die große Bedrohung, wie an einem Dienstag vor 60 Jahren.

    An diesem Dienstag betrauerten mehrere Millionen Fernsehzuschauer ein Busunglück, das im hintersten Winkel von Spanien, dicht an der Küste, stattgefunden hatte. Ein Reisebus aus Deutschland war verunglückt und es gab mehrere Tote zu beklagen, die nicht mehr identifiziert werden konnten. Wie an einem Dienstag vor 60 Jahren gibt es auch heute noch unidentifizierte Tote, wenn auch nicht so viele, zu betrauern. Das tat die Nation auch, hauptsächlich, weil die Medien den Vorfall so lange breitklopften, bis kein Weg mehr daran vorbeiführte. Ja, trauern können die Leute immer noch, nur haben sie keinen wichtigen Grund mehr dazu, wie an einem Dienstag vor 60 Jahren. Deshalb weichen sie heute auf Gründe aus, die nicht so schlimm sind wie Kriege oder Gruben.

    An diesem Dienstag klopfte es am Nachmittag plötzlich an Klaus Fabers Tür. Klaus blickte unwillig von seinem Computerspiel auf und öffnete die Tür. Vom Direktor des Internats, in dem er seit der Trennung seiner Eltern wohnte, erfuhr er dass sein Vater in England und seine Mutter in Spanien vermisst wurden. Klaus nickte und wandte sich wieder dem Computerspiel zu. Vermisste gibt es auch heute noch, wie vor 60 Jahren. Doch manchen sind sie nicht mehr wichtig. Kurz darauf fluchte Klaus, als er zum dritten Mal an der gleichen Stelle des Spiels verlor. Was er nicht erfahren hatte, war, dass sein Vater tot war. Inzwischen hatte sich seine Mutter, nachdem sie heil aus dem verunglückten Bus entkommen war, mit einem spanischen Gigolo auf einem Schiff in Richtung Karibik abgesetzt.

    An diesem Dienstag trug Pauline, die Geliebte des Herrn Faber, blauen Lippenstift, als sie in die Disco ging. Ihre Lippen passten, wie ein junger spanischer Gigolo, dessen Bruder sich mit einer Frau von Spanien aus in Richtung Karibik abgesetzt hatte, bemerkte, sehr gut zu den blauen Lichtblitzen der Discolichtanlage. Sie fand den spanischen Gigolo so nett, dass sie Herrn Faber, von dem sie heute noch nichts gehört hatte, mit ihm betrog.

    An diesem Dienstag erfuhr Klaus Faber in den Fernsehnachrichten von einem Strahlungsunfall im britischen Sellafield, bei dem mehrere Personen getötet worden waren. Er lachte und dachte: "Warum müssen sie auch mit dieser Kernkraft arbeiten." Außerdem hörte er einen Bericht über ein untergegangenes Schiff, das in Richtung Karibik fuhr. Es gab nicht einen einzigen Überlebenden. Klaus Faber freute sich, dass er wusste, dass man Schifffahrt mit drei F schrieb und dass er in kürzester Zukunft wieder Ferien haben würde, die er entweder mit seinem Vater oder seiner Mutter verbringen würde. Er freute sich immer noch, als er in den Waschsaal ging, den ein Schüler als Schauplatz seines Amoklaufes gewählt hatte. Klaus war einer der ersten, die im Kugelhagel zu Boden stürzten. Waffen gibt es immer noch, wie vor 60 Jahren und auch Menschen, die im Kugelhagel sterben. Nur zum Glück nicht mehr so viele. Und nicht mehr im Krieg, mit G wie Grube, den keiner mehr kennt.

    An diesem Dienstag wussten viele Menschen nicht, was ihnen die Zukunft bringt. Das hat sich in den letzten 60 Jahren nicht verändert. Das nicht. Auch nicht an diesem Dienstag.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erster Text

    Hallo Neuling,
    sei herzlich willkommen, wenngleich nicht registriert!
    Sag mal, was willst Du? Belehren, mit einem kleinen erhobenen Zeigefinger das Unglück der Welt in eine Nussschale (3s) packen? Das erinnert mich stark an die Nachkriegszeit, da stürzten sich die Leute auf alles, was es zu lesen gab und ließen sich willig belehren, ließen sich nachdenklich machen. Ob das heute noch so trägt, ob sich heute noch jemand aufrütteln, nachdenklich machen lässt? Und wenn? Wohin geht er mit seiner Nachdenklichkeit, falls er soweit denken kann? Wählt er dann die PDS oder doch noch einmal die Grünen? Do it again, Joschka, oder so?
    Wenn Du ein allgmein garstig, politisch Lied singen willst, dann verpacke es nicht hausbacken wie vor sechzig Jahren. Damals hätte es gepasst, aber heute erreichst Du weniger Menschen damit als Du vielleicht meinst. Den Menschen ist es scheißegal, was erstens vor sechzig Jahren war, was zweitens auf der Welt sowieso passiert. Erstens kommt für einige sowieso immer noch das Fressen und zweitens für die meisten danach ... neeee, Moral haben wir schon lange nicht mehr, dazu sind wir zuviel mit Verdauen beschäftigt.
    Das ist keine Kritik an Deinem Text wohlgemerkt, es fiel mir nur so ein.
    Neuling, wenn Du antworten magst, dann tu es literarisch bitte, ich tät mich freun.
    herzlichst uis

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Erster Text

    Die Welt ist schlecht, heute wie vor sechzig Jahren? War es das, was uns der Autor mitteilen wollte?
    Das wissen wir.
    Ist ein erhobener Zeigefinger weniger überflüssig, wenn er im literarischen Gewande daherkommt?
    Nein.
    Mehr ist dazu nicht zu sagen.

    Gruß
    K.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Erster Text

    ..ach was, erhobener Zeigefinger, ich seh ein Kopfschütteln, ein Kurios, kurios, schön verknäult. Vor Gericht und auf hoher See...

    aber eine Geschichte, wohl wahr, ist das noch nicht, das ist nur die Wanderkarte..

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erster Text

    Damit Ihr auch mal ein Stück vom Original kennenlernt:

    Wolfgang Borchert, "An diesem Dienstag" (1949)

    Die Woche hat einen Dienstag.
    Das Jahr ein halbes Hundert.
    Der Krieg hat viele Dienstage.

    An diesem Dienstag
    übten sie in der Schule die großen Buchstaben. Die Lehrerin hatte eine Brille mit dicken Gläsern...

    Soweit der Beginn der sehr bekannten Geschichte Borcherts.
    Lieber Neuling,
    Du hast Dir Mühe gegeben, Borcherts Original sinnvoll zu adaptieren. Ich lobe dies ausdrücklich. Allerdings reicht das nicht, und deshalb zeigt ein solcher Versuch, dass man es dann lieber bei dem Original belassen soll, weil es in seiner Zeit seine Wirkung hatte. Eine Aktualisierung in heutiger Zeit muss zwangsläufig anderen Gesetzen von Form und Inhalt folgen, so niedlich auch das Beispiel mit der Neuen Rechtschreibung erscheinen mag.
    Klar, Kassandra, Zeigefinger ist immer gut! Allerdings war der Zeigefinger Borcherts erhoben genug und reicht bis in die heutige Zeit hinein.
    Ich geb Dir Recht, lester, es ist eine Art Wanderkarte, könnte ein plot-Entwurf für einen Roman oder ein Stück sein.
    Neuling, es ist gut, wenn Du Dich in epigonalen Studien übst, dann beweist Du literarisches Wissen und Du zeigst, dass Dir nicht alles egal ist, dass Du in einer Tradition gesehen werden möchtest. Mach da weiter jetzt und denk Dir eine andere Form der Präsentation aus. Geh wandern...
    herzlichst uis

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Erster Text

    Hallo, Neuling!

    Nun ja, mir zumindest hat ein Text gefallen, egal, wer dein "Vorbild" war. (Meinen Geschichten merkt man auch immer an, welchen Autor ich gerade lese.) Dein Text war leichtbekömmliches Fast-Food, ideal, um es am PC zu lesen. Ob dein Beitrag nun eine "Wanderkarte" oder ein "Zeigefinger" ist, ich jedenfalls wurde von der Süffisanz und der ironischen Lust am Kaputtmachen, die ich eigentlich nur aus der englischen Literatur kenne, unterhalten. Und das ist es letzten Endes doch, was ein Text soll, nicht wahr?

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  7. #7
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Erster Text

    Disparates Schreiben. Die Dinge herum, im Zentrum ein Wartendes. Die Welt auf dem Tableau, die Dinge geraten außer Kontrolle, wer wollte dagegen schon literarisieren? Was wäre, wenn Du versuchtest, einen Gedanken festzuhalten, auszuschmücken, zu malen und zu verdichten? Dann kannst Du einen Schritt weitergehen.
    Dein "Stil" erinnert an Canetti, an Borchardt nur akzidentiell, an Kisch jedenfalls, aber moralisch ist's nicht, was ich da lese. Jedenfalls nicht in einem säckingschen Sinne.

    Das ist Journalismus, nicht mehr und nicht weniger. Aber Journalismus wolltest Du vielleicht auch nur betreiben; schließlich sind wir im Forum des geschriebenen Wortes, nicht des dichterischen.
    Also trau Dich und geh ein bißchen auf uns Schnösel ein!

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