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Thema: Schäfer am Delta (Flußspaziergang)

  1. #1
    in nomine Deltae
    Laufkundschaft

    Schäfer am Delta (Flußspaziergang)

    Der Schäfer am Delta

    Wir brauchen uns.
    Einsam sind wir geworden, jeder in seinem Leben. Ein Jeder trägt seine Geschichte bei den Wanderungen am Fluß wie eine Halde Humus mit sich.
    Der Hund tut die Arbeit und hält die Tiere zusammen. Ich nehme gern ein Lamm an die Hand, die Zartheit zu fühlen und das Opfer und spreche zu ihm.

    -Du siehst müde aus.
    -Nein. Ich habe 12 Stunden geschlafen. 12 mal 1 Stunde. Nach jeder wachte ich auf und hatte einen Traum. Ich hatte mich ins Haus der Eltern eingeschlichen, um etwas zu holen. Seit Urzeiten war ich nicht dort. Niemand sah mich, obwohl ich mich nicht gut versteckte. Meine Mutter sah mir mitten ins Gesicht, als ich ihr gegenüberstand. Ich glaube, sie blinzelte mit einem ungläubig fragenden Blick und ich verschwand. Aus ihrem Blick, aus dem Traum, in Bettlaken.
    -Laß diesen Traum vom Haus der Jugend. Er ist Vergangenheit. Außerdem war es kein Haus, mehr eine Hütte, will mir scheinen. Hattet ihr Öfen?
    -Ja, ich hackte Holz, im Schuppen.
    -Vergiß es, oder besser: Hack neues Holz, um alte Nachtmär zu verbrennen.
    -Mein Hirte, nicht nur die Nacht brennt. Es ist der hell-lichte Tag !

    Der Schäfer bleibt stehen und schaut mich mit seinen milden Augen an.
    Nicht direkt, eher so, als blicke er in das Objektiv einer Kamera, die links hinter mir steht.

    -Warum bist Du müde? fragt er.
    -Am Morgen, am Ende des zwölften Traumes, hat wieder der Wolf geheult. Vor meinem Fenster, oder innen, im Haus. Es klang sehr traurig und bedrohlich und ich hatte Angst vor diesem Klang.
    -Du wohnst in der Stadt, mitten in dieser großen Stadt, mein Kind. Kein Ort für Wölfe. Da war kein Tier, es muß Deinem Traum entsprungen sein. Vielleicht......- Er stockt...
    -Ja?
    -...solltest Du aufwachen, irgendwann. Also richtig: aufwachen, hören, sehen, fühlen, schmecken. ATMUNG ...Vor allem : Hören... Die Weisheit ist ein weibliches Wesen... ATMUNG ...Hör mir zu : ...Sophia..... Tochter Gottes .... weit vor allen anderen geboren... lehrte uns das Hören... ATMUNG ...und das Sehen...
    -Ich wei? nicht. Ich schwöre. Ich war sehr hell und sehr wach. ATMUNG ...Der Wolf, er kommt seit einer Woche zu mir und heult sein Lied zu mir herauf. Der Wolf sagt weder weis, noch wahr.

    -Du lügst !.

    -Außerdem hat das Telefon geklingelt. Nachts, um 24 nach 4.
    -Und?
    -Es war niemand. Jemand hat aufgelegt, als ich mich meldete.
    -Und?
    -Nichts. Ich habe gebetet, für diejenigen, die keine Sprache haben. Oder zuviel, wie ich : Nichts raus, usw. : Blendung.
    -Hast du böse Träume?
    -Jetzt nicht mehr. Vielleicht habe ich das Schlimmste überstanden, und die Botschaft empfangen.
    -Vielleicht weißt Du mehr, als ich ahnen kann.

    Ehemals ist der Schäfer Wissenschaftler gewesen. Seine letzte Forschungsaufgabe behandelte die Überlegung, der zunehmenden Wärme der Erdoberfläche damit zu begegnen, die Wasserwege einzufrieren.
    Auch sagt er, man solle sich nie über die Natur erheben. Also keine Brücken !

    -Warum hast Du aufgehört, Wissenschaftler zu sein? frage ich den Schäfer. Ich kann auch zuhören. Manchmal sind meine Ohren so groß, sagt der Wolf -macht eine zweideutige Handbewegung -und dann verstehe ich Dich.
    -Ich will mehr wissen. Von der Natur. Und schaffen. Keinen Fluß einfrieren. Brücken bauen!
    -Sprich jetzt nicht vom Meer.
    -Nur noch Eins, fragmentarisch...
    -BITTE !
    -...Ich glaube an die "Grundierung des Menschen als einem wildgewordenen Affen".
    -Aber vergiß nicht, mit wem Du es zu tun hast: Als gezähmte Äffin, geboren aus Mangel an Vollkommenheit, bin ich animalisch...schön aus Leidenschaft...

    22.05.2035: Sonntag
    Seit 8 Tagen habe ich weder das Haus nicht verlassen noch mit jemandem ein Wort gewechselt. Nur Geld, auf der Bank.
    In dem Moment, als ich unten aus der Haustür trete, lärmt eine Alarmanlage los. Heult so lange, bis ich wieder ins Haus gehe. Bis zum selben Moment. Weniger als den vierten Teil einer Stunde.
    Ich bin oben in der Wohnung: Im gleichen Moment beginnt ein großes Gewitter. Zufall. Ich zähle mit. Es ist nah, aber nicht nah genug. Ich komme nicht unter die Vier. Unbefriedigend .

    23.05.2035
    Ich habe geträumt, ich sei Maria Magdalena und stumm: Ich hab das alles aus Lust getan. In einer Vollmondnacht.

    Aus Liebe . Zu Ihm . Drei Kreuze .

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Schäfer am Delta (Flußspaziergang)

    Dies ist die ursprünglich eingestellte Geschichte für das Forum-Projekt "Flußspaziergänge im Jahre 2035". Der lektorierte Text ist im Malerbuch erhältlich. Ein Exemplar: 19 € plus Versand.

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