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Thema: Spaziergang am Fluß (bigvogel)

  1. #1
    in nomine bigvoegeli
    Laufkundschaft

    Spaziergang am Fluß (bigvogel)

    Spaziergang am Fluß

    Nein, vorauszusehen war das nicht. Aber es war einigermaßen naheliegend. Sie hatten in den letzten Jahren den Fluss verrohrt. Da, wo es noch vor Jahren plätscherte und die zugegebenermaßen üblen Gerüche das ehemalige Flussbett überlagerten, war jetzt eine asphaltierte Straße angelegt, wie sie zu Hunderten die Vorstädte verzierten.

    Ein Stein fiel mir vom Herzen. Insgeheim hatte ich so etwas gehofft, denn es musste schon Jahre her sein und es war nicht damit zu rechnen, dass heute noch etwas heraus kommen konnte.
    Wahrscheinlich war es auch niemandem aufgefallen, daß ich damals dabei war. Wir waren schließlich nicht täglich zusammen. Ich hatte damals die Zeitungen nicht verfolgt, es wäre auch umständlich gewesen, denn die lokalen Zeitungen las ich nicht - ich hatte lange nicht in der Gegend gewohnt - und in den Illustrierte und ähnlichen Schmierblättern stand nichts drin. Bis auf eine kurze Geschichte, die mich allerdings damals ziemlich beunruhigte. Es soll nach Aas gerochen haben, stand in einer Zeitung. Leute hätten sich beschwert, immer, wenn das Wetter umgeschlagen war, hätte es einen leichenartigen Geruch gegeben. Sie haben es einer bestimmten Art von Pilzen in die Schuhe geschoben und die öffentliche Meinung schien sich damit beruhigt zu haben. Es war gerade Frühling und au?er dem unerklärlichen Geruch scheinen in dieser Zeit noch andere Dinge geschehen zu sein. Bald sprach anscheinend niemand mehr darüber, das Thema war eingeschlafen. Außerdem hatte es vorher schon gestunken, und kein Mensch hatte sich darüber aufgeregt.

    Mich hatte es damals sehr beeindruckt. Dazu muss man wissen, dass ich genau genommen keinen Grund gehabt hätte. Denn ich war unschuldig, ich hatte mit der Sache nichts zu tun. Eigentlich, das war das Problem. Ich hätte es jederzeit erzählen können, wie oft habe ich es geübt. Aber gefragt hat mich keiner. An diesem Abend war es recht spät geworden und Nathalie war bei mir. Wir haben rumgeblödelt uns hatten eine Menge Spaß miteinander. Bis sie über diesen Ast gestolpert war, der ein Stück in den Weg hineinragte.
    Sie war neben mir gelaufen, sie hatte sich dicht an mich geschmiegt und ich hatte meinen Arm um sie gelegt. Ich dachte erst, es wäre ein Scherz. Sie war an den Ast geraten und dabei gestürzt. Es gab ein kurzes, knirschendes Geräusch, das war ihr Kopf. Es lag ein Stein da, nicht besonders groß, auf den war sie gefallen. Ich bekam das erst allmählich mit, verwundert betrachtete ich meinen Arm, denn er hatte irgendwie versagt, aber das begriff ich erst später. Bis ich in meiner Panik merkte, dass wirklich etwas ernstliches geschehen war, dass sie sich überhaupt nicht mehr bewegte.

    Ich saß noch mehrere Stunden danach bei ihr. Die Sterne und der Mond leuchteten schwach, wie geschaffen für ein Liebespaar, das wir eben noch gewesen waren. Es war außergewöhnlich warm für diese Jahreszeit, aber ich hätte vermutlich auch sonst nicht gefroren. Ich saß auf einem Aststumpf, ähnlich dem, über den sie gefallen war und dachte nichts besonderes, ich nehme an, dass man in solchen Momenten überhaupt nicht denkt. Dennoch schossen mir einige Bilder durch den Kopf. Eines davon war, dass wir eigentlich ins Kino gewollt hatten. Dieser Gedanke setzte sich fest in mir. Und dass wir dann gar nicht im Kino waren, weshalb ich für ihre Mutter etwas ausgedacht hatte. Der Film hieß "bewegte Erde", wir wussten beide, wovon er handelte.
    Das war jetzt schon über 30 Jahre her, lächerlich, noch daran zu denken. Wären wir doch im Kino gewesen damals.

    Ich war inzwischen kein Jüngling mehr, man kann sich das ausrechnen.
    Dreißig Jahre! Seit neustem wäre es ja auch verjährt gewesen, selbst, wenn etwas Vorwerfbares geschehen wäre. Selbst Mord verjährt aus guten Gründen in dreißig Jahren.
    Ich habe mir das immer wieder eingeredet und wie oft bin ich nachts erwacht.
    Aber es war kein Mord, wie ich schon sagte. Es war nicht einmal etwas ähnliches, es war ein Unfall.

    Was war alles geschehen in dieser Zeit! Sie wäre jetzt dreißig Jahre älter. Unglaublich! Sie würde auf die fünfzig zugehen! Nathalie - sie würde vermutlich die Wechseljahre hinter sich haben oder wäre jetzt mitten drin - laut und zänkisch, wie man sagte, oder aber auch duldsam und erfahren.

    Ein Stück von dem Flussbett haben sie tatsächlich stehen lassen! Ich erkannte es, da waren die alten Weiden - gewaltig gewachsen inzwischen, knorriger, aber hier war die Stelle, ich erkannte sie deutlich. Und der Gestank war immer noch da!
    Wie sie begonnen hatte sich zu wehren! Es war nicht der Rede wert, es war auch kein richtiger Streit, es war mehr ein Spiel.
    Der Streit - wenn man es so nennen will - ging eigentlich um den Film. Sie wollte ihn sich ansehen, aus Gehorsam ihrer Mutter gegenüber, wir stritten nicht ernsthaft. Wir haben uns ein wenig hin und her gestoßen, es war fast spielerisch. Dabei muß es geschehen sein - vermute ich jedenfalls heute.

    Als ich mich wieder etwas gefaßt hatte, wollte ich zur Polizei gehen. Ich habe es dann unterlassen - keiner soll mich fragen warum. Ich dachte natürlich, sie würden es sowieso herausbekommen, ich habe fest damit gerechnet. Ein Zufall wollte, daß wir ein paar Wochen später in eine andere Stadt gezogen sind - monatelang glaubte ich trotzdem in meinen Träumen das nächtliche Läuten zu hören, wenn sie mich holen würden, aber nichts dergleichen geschah.

    Dreissig Jahre lang hatte ich mich stellen wollen, wollte es erklären, die Umstände erläutern - eine lange Zeit. Und jetzt war es vorbei und sinnlos. Dreissig Jahre - wie rasch waren sie vorbei gegangen.

    Dennoch - ich möchte nachts wieder ruhig schlafen können. Was würden sie machen mit mir? Würden sie überhaupt wegen mir ein Formular ausfüllen? Und wer entscheidet, daß es verjährt ist? Ich werde erst zu einem Anwalt gehen, gleich morgen. Ich möchte es jetzt genau wissen.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Spaziergang am Fluß (bigvogel)

    Dies ist die ursprünglich eingestellte Geschichte für das Forum-Projekt "Flußspaziergänge im Jahre 2035". Der lektorierte Text ist im Malerbuch erhältlich. Ein Exemplar: 19 € plus Versand.

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