+ Antworten
Ergebnis 1 bis 2 von 2

Thema: Spaziergang am Fluß (it)

  1. #1
    in nomine iti
    Laufkundschaft

    Spaziergang am Fluß (it)

    Der Sand ist warm und von der Art, die unter den Füßen leicht zerbricht, als habe er über Nacht eine dünne Kruste angesetzt. Darunter wieder Sand. Darüber ein Wind, der den Geruch von altem Öl und Tang trägt, obwohl wir weit vom Meer sind hier; es ist in der hell flimmernden Ferne noch nicht zu erahnen. Als ströme etwas flußaufwärts zu uns. Meine Augen sind schlechter geworden seitdem, vielleicht werde ich einfach alt. Wissen kann ich es nicht. Aber wenn ich sie schließe, entsteht um mich eine neue Welt aus Duft. Backstein in der frühen Morgensonne: sehr kompakt und erdig. Verläßlich. Gras, ja, überall. Die leeren Hinterteile vertrockneter Insekten, deren feiner Geruch leichtes Unbehagen weckt. Auch sie riechen nach Stein.
    Das Gummi der Reifenabdrücke, alles hinterläßt seine Spuren. Mehr Vergangenheit als Gegenwart, wenn ich die Augen öffne, lebe ich in zwei verschiedenen Zeiten.
    Drei, mit der wechselhaften Welt der Geräusche. Drei Zeiten. Es hat seine Vorteile, keine Frage. Meine Schritte ziehen den Sand mit sich hoch und verstreuen ihn in der Weite, neben den winzigen Spuren der Krebsfüße wirken sie plump. Alles ist Leben. In letzter Zeit suche ich es in der Rundung der Steine. Vielleicht werde ich einfach verrückt. Hätte ich mich auf die zweifelhaften Errungenschaften der Cryogenetik verlassen sollen? Aber ich bitte Sie: das ist ein leerer Traum. Ein hilfloser Versuch, die letzte Angst durch ein Versprechen zu mildern, kaum weniger atavistisch als eine letzte Ölung. Da ziehe ich den Glauben an Walhalla oder siebzig Jungfrauen im Himmel doch vor - wenn ich ihn aufbringen könnte, den Glauben. Vielleicht ist mein Zustand eine biblische Strafe für den Mangel an Glauben. Meine Hände vermisse ich, ist das nicht Strafe genug? Ich könnte mich bücken und einen Kiesel über das Wasser werfen (und die Bögen zählen, in denen er vom Wasser abprallt, nicht gewillt, seine ursprüngliche Flugkraft zu tauschen gegen das taumelnde Sinken in die Tiefe.) Es liegt etwas ungemein Optimistisches im Flug eines flachen Kiesels, vielleicht spielen Kinder deshalb so gern damit.
    Ohne nach dem Grund zu fragen. Vielleicht liegt darin das Glück. Aber das Wasser ist heute zu unruhig. Meine Hände vermisse ich doch. Daß sie keinen Menschen nehmen könnten, war klar. Sie haben es offen gesagt, beim ersten Gespräch, es hieß: Leben gegen Leben. Sie hatten nicht viel Zeit. Und das Risiko war ihnen zu hoch. Ich habe auf den Affen gehofft in den letzten Tagen, als ich noch bei Bewußtsein war. Ihn oft beobachtet aus der Dunkelheit hinter der Glasscheibe. Die Reichweite seiner langen Arme, und sein Kraft. Den Genuß bewundert, mit der er auf seinem Essen kaute. Seine geschickten Finger. Nur seine Augen wollte ich nie sehen.
    Hätte ich Mitleid empfinden sollen? Ich? Was unterschied sein Schicksal von meinem, wenn man die Willkür bedenkt, mit der mein Leben - Nun gut.
    Auch er hatte kein Mitleid mit mir, eine Halsinfektion, sagte man mir später. Der Proteinwert im Blut war erhöht, ein schwaches Fieber. Zu viel für meinen Organismus, sagten sie mir. Vielleicht wollten sie nur spielen. Sie haben ein Schwein genommen. Obwohl: die Gerüche würde ich vermissen. Aus der Küche dringt der Duft von zerlassener Butter. Es wird Rührei geben. Ich sitze gerne hier.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.587
    Blog-Einträge
    35

    AW: Spaziergang am Fluß (it)

    Dies ist die ursprünglich eingestellte Geschichte its für das Forum-Projekt "Flußspaziergänge im Jahre 2035". Der lektorierte Text ist im Malerbuch erhältlich. Ein Exemplar: 19 € plus Versand.

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •