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Thema: Die Einsamkeit der Blumen (Spaziergang am Fluß)

  1. #1
    in nomine tonjae
    Laufkundschaft

    Die Einsamkeit der Blumen (Spaziergang am Fluß)

    Die Einsamkeit der Blumen

    Ich ging den Fluss entlang. Langsam, nachdenklich. Der weiche Flussufersand drängte sich zwischen Füße und Sandalen. Ich hasste dieses Gefühl. Also setzte ich mich auf einen Baumstumpf und zog die Schuhe aus. Barfuß ging ich weiter. Ja, dieses Gefühl war besser. Den Boden spüren unter den Füßen. Meine ganze Aufmerksamkeit lag jetzt in den Füßen. Was man alles aufnehmen konnte über die Haut. Gewiss, jetzt, im Jahre 2035 gab es andere Möglichkeiten der Kommunikation. Aber ich liebte diese altmodische Art. Diese Art dem Boden das Wissen zu entziehen. Ich liebte es auch, meine Hände auf die Dinge zu legen. Nichts konnte dieses Gefühl für mich ersetzen. Wenn prickelnd das Wissen des anderen meine Pforten öffnete. Ich sah hinüber zu der riesigen knorrigen Eiche. Ohne sie zu berühren, wusste ich wie sie sich anfühlte. Oft genug schon hatte ich meine Hand an ihren Stamm gelegt. Weiter ging mein Blick, hinüber zu der großen Buche. Genauer gesagt, war es eigentlich eine ganze Gruppe von Buchen. Mit ihren kurzen glatten Stämmen und ihren langen, nach oben ragenden Ästen, die nach einer kurzen Kurve fast senkrecht in die Höhe wuchsen, glichen sie für mich immer Menschen, die ihre Arme hilfesuchend gen Himmel reckten. Schon als Kind war mir das aufgefallen, und ich war mir sicher, dass es verzauberte Wesen waren. Es war immer etwas Besonderes für mich, unter ihnen zu sein und mit ihnen zu sprechen. Manchmal fürchtete ich mich. Sie sahen dann sehr dunkel aus, wie dunkle Zauberinnen. Ja, ich war mir sicher, dass es weibliche Wesen waren. Nur der stärkste unter ihnen, obwohl mit abgesägten Ästen, war ein männliches Wesen. Er war der unbestrittene Herrscher. Der Führer der Gruppe. An ihn wandte ich mich, wenn ich Fragen hatte. Und er war mein bester Freund. Immer gab er mir Antwort. Keine leichten oft, aber dennoch half es mir stets. Die Zauberfrauen dagegen flößten mir stets eine Gänsehaut ein. Ich hielt stets Abstand zu ihnen, streifte sie nur kurz mit den Blicken. Auch sie jedoch waren wichtig für mich, so viel konnte ich erkennen. Ja, aber heute grüßte ich nur kurz, dann ging ich weiter. Ich hatte heute ein anderes Ziel, das ich noch vor dem Abend erreichen wollte. Ich kam an eine Stelle, wo man die Wahl hatte, durch dorniges Gebüsch einen Hang hinauf zu steigen, oder im Fluss selbst über Steinbrocken nach oben zu klettern. Ich wählte den Weg durch das Wasser, wie immer. Aber plötzlich ging es nicht mehr weiter. Irgendetwas war hier passiert. Eine hohe glatte Mauer stand dort plötzlich und versperrte mir den Weg. Unüberwindbar. Seltsam. So bog ich also nach rechts ab, und wollte versuchen, den Weg durch das Gebüsch zu finden. Hier war ich noch nie entlang gegangen. Ein alter Mann hatte mich einmal davor gewarnt. Und er hatte ein sehr ernsthaftes Gesicht dabei gemacht. Und obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, was für Gefahren es hier geben sollte, hatte ich doch immer eine Gänsehaut bekommen, wenn ich hierher kam, und den Blick in Richtung dieses Pfades lenkte. So hatte ich es immer unterlassen, diesen Weg zu erkunden, und hatte stets den Weg durch den Fluss gewählt. Nun aber war er versperrt. Langsam setzte ich Schritt vor Schritt. Kein menschlicher Laut war zu hören. Augen und Ohren waren in Lauerstellung. Ich war neugierig und zugleich ein wenig furchtsam, was wohl auf mich zukommen würde. Kleine Steine schmerzten unter den Fußsohlen, scharfe Kanten ritzten sie, und 'Autsch!' da hatte ich mir einen Dorn eingetreten. Ich hätte die Schuhe anziehen können, doch ich wollte den Kontakt zur Erde nicht verlieren. So ging ich behutsam weiter, zugleich vorsichtig auftretend, um Verletzungen zu vermeiden, und doch auch mit festem Schritt, um nicht abzurutschen auf dem steil nach oben führenden, und zum Teil sandigen, zum Teil felsigen Gelände. Ich musste mich durch dichtes, dorniges Gestrüpp schlagen, oft war es zu dicht, und ich musste es umgehen. Immer öfter musste ich die Richtung wechseln, und bald wusste ich nicht mehr genau, wie weit ich mich schon vom Fluss entfernt hatte. Ich versuchte, zum Fluss zurück zu kehren, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte ihn nicht mehr finden. Schließlich hörte die Steigung auf, und eine kleine Lichtung lag vor mir. Hier und da standen ein paar Büsche, und eine grasähnliche Bewuchs bedeckte größtenteils den Boden. Ich sah mich um und schritt neugierig und aufmerksam ein Stück in die Lichtung hinein. Und dann blieb ich erstaunt stehen. Tatsächlich, es gab sie also wirklich. Diese seltsamen Blumen von denen man mir erzählt hatte. Wie ein Teppich standen sie dort, klein, rot und zornig. Geh, lass uns allein, sagten sie. Ich blieb stehen, respektvoll und irgendwie andächtig. Da ich nicht so recht wusste, was ich tun sollte, und auch ziemlich erschöpft war, suchte ich nach einem Platz, der ein wenig Schatten bot, um mich erst einmal zu setzen und ein wenig auszuruhen. Doch nirgends schien es Schatten zu geben. So ließ ich mich auf dem nächstbesten Stein nieder. Nach einer Weile sah ich mich erneut um. Ein seltsam geformter Baumstumpf zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Kein Baumstumpf eigentlich, sondern ein mannshoher, innen hohler Stamm, der aber nur noch aus über und über mit Löchern durchsetzter Rinde zu bestehen schien. Er schien fest zu stehen, und sah doch so aus als müsste er eigentlich jeden Moment umfallen. Ein Gefühl von Furcht erfasste mich bei seinem Anblick, aber da war auch diese starke Neugierde, die mich aufstehen und auf ihn zugehen ließ. Schritt für Schritt näherte ich mich ihm, und dann geschah es. Ohne dass ich genau mitbekam, wie es geschah, befand ich mich plötzlich mitten in der Höhlung des Stammes. Ich konnte atmen, denken, aber bewegen konnte ich mich nicht. Ich dachte daran, zu schreien, aber kein Laut entrang sich meiner Kehle. Schließlich wurde ich ruhiger. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit auf das was außerhalb von mir lag. Mein Blick fiel auf die kleinen, roten Blumen. Wie ein Teppich umgaben sie mich. Und jetzt sahen sie nicht mehr zornig aus, sondern weich, heiter, verletzlich. Ich hatte das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Aber wie hätte ich das tun sollen in meiner Lage. So schaute ich also weiter. Nichts anderes blieb mir übrig. Als ich eingeschlossen wurde, stand die Sonne hoch am Himmel. Jetzt sank sie langsam nach Westen ab. Ich schaute wieder auf die Blumen. Und da bemerkte ich, dass eine besonders auffiel. Sie wirkte anders als die anderen. Es gab keine großen Unterschiede. Nur ihre Blüte schien ein wenig mehr geöffnet, die Blütenblätter schienen ein klein wenig weicher zu sein. Ich wusste plötzlich, dass sie daran litt, dass sie jemand berührt hatte. Sie würde immer daran leiden, aber sie würde auch immer schöner sein als die anderen. Ein ganz klein wenig. Was aber hatte das alles mit mir zu tun. Warum musste ich hier stehen und die Blumen betrachten. Noch tiefer sank die Sonne. Vielleicht, vielleicht würde ich es morgen wissen. Oder, nach ein, zwei Tagen. Oder. Ich sah wie die Sonne langsam versank. Rot und riesengroß versank sie hinter dem Horizont. Doch als kaum noch ein Streifchen von ihr zu sehen war, da wusste ich auf einmal, ich würde fortan auf der anderen Seite leben müssen, auf der anderen Seite der Mauer. Der Mauer, die den Fluss zerteilte. Dieser Mauer, die mir heute den Weg verstellt hatte, und die ich nie würde überwinden können. Es gab kein Zurück. Und diesen Platz würde ich nur verlassen können in Richtung des Flusses, und den würde ich dort oben antreffen, oberhalb der Mauer. Ich machte mich also auf, und als ich den Fluss erreichte, sah er aus wie immer, so wie ich ihn kannte. Ich ging ein Stück an ihm entlang, doch als mich auf einen Stein setzte, und die Füße ins Wasser hängen ließ, sah ich plötzlich, dass meine Haut weicher aussah als sonst, und ein klein wenig seidiger.

  2. #2
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    AW: Die Einsamkeit der Blumen (Spaziergang am Fluß)

    Dies ist die ursprünglich eingestellte Geschichte tonjas für das Forum-Projekt "Flußspaziergänge im Jahre 2035". Der lektorierte Text ist im Malerbuch erhältlich. Ein Exemplar: 19 € plus Versand.

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