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Thema: Die Mär der gelben Hüte (Roberts Flußspaziergang im Jahre 2035)

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Die Mär der gelben Hüte (Roberts Flußspaziergang im Jahre 2035)

    Prolog

    Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
    In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
    Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
    Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut. (JvH)

    I

    Ilmgeflüster. Beginnlosigkeit, das ist das Fließen des Wortes aus dem Fundus des Wissens. Ideelles Schreiben kommt aus dem Tiefsten, das wir haben, aus der Erinnerung. Erinnerung an Phaeton, dem Apollo gestattete, einen Tag seinen göttlichen Sonnenwagen zu lenken. Phaetons Pech nur war es, daß er dabei in einen Fluß fiel. Und der zornige Apollon bestrafte seinen Sohn damit, daß er bis zum Weltuntergang im Flusse würde stecken bleiben müssen. Und Phaeton sehnte den Untergang herbei.
    Auch heute schaute der Hereingefallene wieder aus den Niederungen des Wassers ans hohe Ufer, flüsterte Worte des Wahns, heraus stahl er sich - in Gedanken -, fiel zurück in die erhoffte Wiederbringlichkeit des väterlichen Befehls, eben hier im Flusse auszuhalten, bis ihm ein Zeichen gegeben würde, ein Zeichen, dem Fluß entsteigen zu können, um im Sonnenwagen die zwar genauso einsamen, nichtsdestotrotz aber sehr viel illustren Reisen am Erdenzelt entlang zu unternehmen. Also wartete er. Auf das Wort des Vaters war Verlaß. Auf die Erdenwürmer am trockeneren Ufer nicht. Sie schwatzten über unerträglich langweilige Dinge. Er mußte sie sich täglich anhören.

    Und so wartete Phaeton Jahr um Jahr. Bis heute, den 21. Juni anno 2035.


    II

    Am Ufer stand Macke, August Macke. Malte. Malte rote Dächer und rote Schwanenhälse, aus denen Blut troff. Macke war jung und dynamisch. Imgleichen seine Farben. Rottöne. Blautöne. Mit Blaupausen verdiente er Geld, mit Blaumalen gab er es aus. Er stand am Ufer und suchte einen festen Punkt im Wasser. Da regte sich etwas. Macke starrte auf einen blauen Punkt im trüben Naß. Der Fluß war angeschwollen über Nacht; Strudel rissen Löcher in die sonst glatte Oberfläche. Da konnte man sich schon irren. Aber Macke irrte nicht. Er malte einen Strudel, der einen gelben Hut in die Tiefe riß.
    Macke mußte an seinem Ufer keine Angst haben. Die Hochwasser im letzten Jahrhundert hatten Verantwortliche angetrieben, mit Hilfe eines besonderen Schwammes die Ufer so zu begrenzen, daß diese wie Tore wirkten und beim geringsten Anstieg des Pegels ihre Viskosität erhöhten, um sich übers angrenzende Land auszubreiten und dieses sattsam zu durchweichen. Das hatte jahrelangen Streit gegeben, denn die Bewohner der Ortschaften am Flusse hatten befürchtet, daß sich diese Schwämme bis zu ihren Fassaden "durchfressen" würden, wie sie behaupteten, doch seit dem letzten Frühjahrshochwasser vom Mai 2007 waren auch sie überzeugt, daß etwas getan werden müsse. Und so hatten sie dem langjährigen Umweltminister zugestimmt, der ihre Zustimmung mit einem fetten Grinsen entgegennahm: Wählerstimmen waren für ihn auf dem Lande eh nicht zu gewinnen.

    Macke saß auf seinem Schemel und glotzte auf den beweglichen Punkt im Fluß, den er als gelben Hut auf Leinwand bannte. Es war aber kein Hut, sondern Phaeton. Phaeton rief um Hilfe. Doch sein Vater blieb fern. Macke hatte dieses Rufen als Inspiration wahrgenommen. Musengesänge, Apollons Badesalz. Phaeton kochte vor Wut. Er haßte Ignoranz und Blautöne. An seinen Füßen hatten sich giftgrüne Moose eine Heimstatt geschaffen, in den Haaren tummelten sich kleine Insekten, die darauf bauten, daß er den Kopf nicht ins Wasser würde stecken können, schließlich war er eine Lichtgestalt, ein Feuersmann. Aber dieses Gebilde, das tatsächlich der sich windende Phaeton war, fand keine Gnade bei Macke, der's zu einem gelben Hut machte, fand keine Gnade vor den rastlosen Augen seines Götter-Vaters, der nicht Demeter gleich den verlorenen Sohn suchte, sondern gar bestrafte für dessen Ungeschicklichkeit.

    Jetzt hatte sich Phaeton wieder aufgeregt, wie er's seit Jahren schon tat. Gebracht hatte es gar nichts. Apollon blieb weg, Macke döste und spuckte in den Fluß, als ob er ihn nicht sähe, dieser Narr!
    Der Vater saß derweil mit seinem Lieblingskind, der Pythia, am anderen Ende der Welt, schwatzte mit ihr Kauderwelsch am Fuße des Parnaß. Drang dann Methan, Äthan und möglicherweise Ethylen durch die verworfenen Erdplatten, so wußte der Vater wieder ein Stück Zukunft. Das hatte Phaeton entdeckt und dem Vater auf den Kopf zugesagt. Da wurde der zornig, daß seine Trance nichts weiter als Besoffenheit war. Von wegen Ratschluß der Götter! Von wegen Moirengeraune! Vielleicht war gar der Vater schuld an seinem Sturz?

    III

    Macke saß da und malte gelbe Hüte. Jetzt hatte der wohl auch den Sturz aus dem Künstlerhimmel nicht überlebt, nicht schadlos überstanden? Da nahte eine junge Frau mit einem lahmen Fuß. Ja, sie stellte sich neben die Staffelei und erzählte dem Blaumaler eine Geschichte. Na, fein. Jetzt holte der doch eine Angel herbei und zielte auf ihn. Er wollte der Frau wohl seinen gelben Hut schenken? Und da Phaeton das sah, lächelte er.

  2. #2
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    AW: Die Mär der gelben Hüte (Roberts Flußspaziergang im Jahre 2035)

    Mein Beitrag zum Flußbuch 2001/2.

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