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Thema: Bank am Fluß (Spaziergang)

  1. #1
    in nomine Zili
    Laufkundschaft

    Bank am Fluß (Spaziergang)

    Schon wieder auf einer Bank am Fluß
    Der Kapitän schrie etwas und im gleichen Augenblick hörte ich das scharfe, schneidende Geräusch, als der Schiffrumpf vom Steg geschliffen wurde. Die Maschine motzte widerwillig auf, die Schraube verwirbelte schönen sandigen Grund, dann kam das Schiff zum liegen.
    Ich befand mich auf einem Betriebsausflug mit meinen jüngeren Kollegen. Wir waren im "gelobten Land" angekommen. Seit dem Supergau gab es auf dem Kontinent nur noch wenige nichtkontaminierte Gebiete. Für meine jungen Kollegen war es die Sensation, in einer Landschaft ohne Schutzanzug und Angst vor Strahlenschäden, spazieren zu gehen. Es war ein erhebendes Gefühl, die Freude auf ihren Gesichtern zu sehen, an diesem Luxus, den ich
    früher so selbstverständlich genoß. Das Gebiet war ein großer Freizeitpark, ähnlich einem Nationalpark. Es war hermetisch durch eine Glaskuppel, eigene Luft-und Wasserversorgung, von der Umwelt abgegrenzt. In dieser Reisegruppe war ich die Älteste, ein Fossil, denn mein Jahrgang war durch den Unfall und dessen Spätfolgen, stark dezimiert worden. Ich verdankte mein Überleben dem puren Zufall. Zum Zeitpunkt des Unglücks, wohnte ich in diesem Gebiet, welches vom Fallout verschont geblieben war. Die Regierung hatte danach das Renteneintrittsalter auf siebzig erhöht, sodass ich jetzt noch zur arbeitenden Bevölkerung zählte. Da dies mein letzter Arbeitsmonat war, durfte ich mir das Ziel des Betriebsausfluges
    aussuchen. meine Kollegen waren über meine Wahl hocherfreut und mir gab der Ausflug Gelegenheit, einem Erlebnis nachzugehen, an das ich hier wieder erinnert wurde und dass ich jahrelang erfolgreich verdrängt hatte.
    Bevor wir das Schiff betraten, das nur durch eine Schleuse am Eingang des Parks zu erreichen war, durchliefen wir eine aufwendige Reinigungsprozedur und durften schließlich unsere Schutzanzüge gegen Bekleidung unserer Wahl, je nach Freizeitziel, in der Kleiderkammer auswechseln. Unsere Kleidung war, seitdem wir die Schutzanzüge trugen, sehr funktional geworden. Von Mode konnt kaum noch die Rede sein. Meine jungen Mitreisenden bevorzugten durchweg das coole
    Hippieautfit mit Flowerpower, während ich eine Golferkluft wählte. Man konnte den Sport nur noch in diesen Freizeitzentren ausüben.
    Was früher zu einem prosperierenden Upper-class Freizeitvergnügen avancierte, mutierte hier zum Minigolf.
    Wir wollten im Park wandern und später ein Picknick am Fluß veranstalten.
    "Der Park wurde vor etwa dreißig Jahren errichtet und umfaßt ein Gebiet von fünfmal zehn Kilometer und einen geschützten Luftraum von einem Kilometer Höhe, der sogar die Fortbewegung mit Leichtflugzeugen und Zeppelinen oder Ballons erlaubt. Jährlich besuchen etwa 1,8 Millionen Gäste den Park. Besonders beliebt sind die nostalgischen Hochzeitsreisen, wie man sie zum Ende des letzten Jahrhunderts zelebrierte",hörte ich einen Reiseleiter sagen.
    Als wir das Schiff über den Holzsteg verließen,fiel mein Blick in das erstaunlich klare und ruhige Wasser. Damals hatte das Wasser eine hohe Strömungsgeschwindigkeit.
    Eine Fahrt mit dem Kanu oder einem Tretboot, wie ich sie nun erlebte, wäre lebensgefährlich gewesen. Der Fluß hatte seine Natürlichkeit eingebüßt, er glich in seinem Temperament eher einem Gartenteich. Ich konnte sogar Karpfen erkennen, die vermoost am Boden gründelten. Die Uferpromenade war mit schönen Sträuchern in voller Farbenfreude bepflanzt: Faulbaum, Pfaffenhütchen und roter Hartriegel, Schneeball und Zaubernuß waren mir noch bekannt. Zwitschernde Meisen, Finken und die immer noch allgegenwärtigen Spatzen tummelten sich in ihnen. Ich wanderten den alten Weg entlang, der mir noch sehr vertraut war. Meine Kollegen konnten sich nicht genug über die Andersartigkeit der Natur auslassen,
    während ich mich allmählich von ihnen entfernte, auf der Suche nach jener Bank, an die ich Erinnerungen knüpfte und welche in mir jetzt unerwartet intensiv aufstiegen.
    Ich hatte damals ein Verhältnis mit eine "Alt-Achtundsechsziger", einem typischen Vertreter jener Generation, die nicht nur für den politischen Umschwung verantwortlich waren, sondern auch für eine sexuelle Revolution sorgten.Neben den unbestrittenen Erfolgen, hinterließ diese Revolution auch einige Opfer. Dazu zählte ich auch meinen "Verehrer". Viele seiner Mitstreiter fanden nach anfänglichen Sturm-und Drangzeiten, wieder ein lebbares Verhältnis zum Sex.
    Was für die meisten ein aufregendes Intermezzo war, wurde bei ihm zur Gewohnheit, zur Sucht in der er sich selbst verabscheute.
    Er verachtete auch die Frauen, die er konsumierte. Er war ein selbstverachtender "Frauenbenutzer" und dies bleib mir damals nicht verborgen. Mein Verhältnis zu ihm brach ab, als er versuchte, mich zu seinem Opfer und Komplizin zu machen. Meine Erinnerungen verschwammen und ein zehrend dumpfes Gef?hl erfa?te mich und drohte, mich in den Sog der vergangeheitzu ziehen. Irritiert von der Intensität meiner Gefühle, ließ ich mich auf einer Bank nieder. Sie glich der Bank, auf der wir damals öfter saßen. Die gleiche Aussicht auf den Fluß, auf dem majestätische Schwäne dahinglitten und Blesshühner helle Schreie ausstießen. Ein schöner und beruhigender Anblick. Die Sonne schien warm und meine Augen folgten dem Weg, die Fußg?nger betrachtend, als mein Blick sich in der Ferne an einem Mann verfing, der mir vertraut vorkam. Der Gang, die Kleidung, das Aussehen kamen mir bekannt vor und wie ein Puzzle setzte sich allmählich das Bild meines Alt-Achtundsechsziger zusammen. Dann stand er vor mir. "Hallo, was machst Du denn hier, darf ich mich zu Dir setzen?" Alles in mir sträubte sich gegen diese Begegnung, der ich nicht ausweichen konnt. Er freue sich, mich hier zu treffen und wie es mir ginge. Ich war wie erstarrt und konnt nichts sagen. Ich wäre am liebsten davon gelaufen, aber ich fühlte mich unglaublich schwer. Albtraumhaft bleiern waren meine Füße. Er habe sich entschlossen, auf eine einsame Insel zu ziehen, denn den Lebenswandel, den er bisher geführt hätte, könne er schon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fortsetzen. Abgesehen davon hätte er erkannt, daß dies auf Dauer keine Befriedigung schaffe und kein Lebensinhalt sein könne. ich traute meinen Ohren nicht, aber es klang plausibel. Sollte der alte Macho das ernst meinen? Allmählich verschwand meine Lähmung und ging in aufatmende Gelöstheit über. Ich wollte die glückliche Situation ausnutzen und ihn um die Beantwortung einer einzigen, seit damals in mir schwelenden Frage bitten. Ich faßte mir ein Herz und versuchte sie, möglichst unmißverständlich zu formulieren, als ich angesprochen wurde. Stimmen drangen an mich heran, und ich erkannte meinen Reiseleiter.
    Man habe mich überall gesucht, ich müsse wohl auf der bank eingeschlafen sein. Es sei jetzt Zeit zu gehen. Man habe das nostalgische Picknick schon ohne mich beendet. ich entschuldigte mich vielmals und erhob mich benommen von meiner Bank. Die Sonne ging allmählich unter und tauchte diese herrliche Landschaft in ein wildes Orange. Vorbei am Natternkopf, dem Beinwell und dem Fingerkraut, war unser Schiff bald erreicht.
    Wir legten ab und mein Blick tastete immer wieder suchend den Weg zur Bank ab, die allmählich hinter der Flußbiegung verschwand.
    Dieser Hurenbock, verfolgt mich bis in meine Träume! Gut dass es draußen keine Bänke an Flußläufen mehr gibt, dachte ich und wandte mich zum Vergessen.

    und jetzt nieder mit den Bänken und Schluß mit dem Fluß!

  2. #2
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Bank am Fluß (Spaziergang)

    Dies ist eine Geschichte Zils für das Forum-Projekt "Flußspaziergänge im Jahre 2035". Der lektorierte Text ist im Malerbuch erhältlich. Ein Exemplar: 19 € plus Versand.

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