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  • #46
    Nach so viel Transzendenz nun mal ein wenig Existenz. Ganz reale, triviale, naiv-gefühlte, alltägliche Existenz. Also das, was da ist. Exsistare - heraustreten, vor den Vorhang treten. Hinter dem die Transzendenz anfängt, liegt, verborgen ist. Existenz umfasst alle Dinge, die wir angreifen, sehen, hören, schmecken, kurz mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können. Die Existenz jener, zu deren Wahrnehmung ich einen sechsten und weitere Sinne benötigte, lasse ich jetzt offen. Die sind spekulativ. Und hier soll es mal um ganz triviale, banale, alltägliche Dinge gehen.


    Pilze zum Beispiel. Schwammerl, wie unsereins sagt. Langjähriger Pilzesammler, der ich bin, habe ich einige erstaunliche Dinge von und über sie gelernt. Die wichtigste Lektion: du findest sie nie dort, wo du sie vermuten würdest, sondern stets an Orten und Plätzen, wo du kein Schwammerl suchen würdest. Hast du aber mal diese Plätze entdeckt, findest du sie immer wieder dort. Fast. Wenn das Wetter passt. Ist es zu trocken, bleiben sie weg. Manchmal passt aber auch die Wittrung und sie bleiben trotzdem aus. Manche kommen nicht jedes Jahr, manche im Abstand von Jahren, wobei ich bislang keine Perioden feststellen konnte. Es gibt Jahre, an denen manche Arten in Scharen erscheinen, wo sie ganz wegbleiben oder im üblichen Maß auftreten.


    Aber der Reihe nach. Pilze sind kapriziöse Wesen. Machen, was und wie sie wollen. So kommt es mir vor. Und sie sind je nach Art und Region nicht nur dem Aussehen nach unterschiedlich, sondern auch innerhalb der Art von großer Vielfältigkeit. Nimm das ganz banale Eierschwammerl, auch Pfifferling genannt. Ich fand schon handtellergroße Exemplare mit ausladenden Hüten, bis zu 10 cm hohen Stielen und dann wieder die im gewohnten Format von 3-5 cm. Das mag am Boden und dem Wetter liegen. Was nicht an diesen äußeren Umständen liegt, ist ihre große Variabilität, was Farbe, Festigkeit des Fleisches, Hutform und Stielbeschaffenheit anlangt. Die Farbe kann von blaßgelb bis zu rötlichem Orange gehen, die Hüte sind oft ausladend oder am Rand nach innen gerollt, das Fleisch schwammig-weich bis knorpelig-fest. Die Stiele unterscheiden sich nicht nur der Länge und Dicke nach, sie können voll oder innen hohl sein. Ob es sich dabei um Unterarten handelt oder um zufällige Bandbreite der Erscheinung ein und derselben Art, weiß ich nicht. Gutes, schmackhaftes Eierschwammerl, ich ziehe meinen virtuellen Hut vor dir!


    Was mich auch immer wieder erstaunt, ist die Platzwahl mancher Arten. Die begehrten Steinpilze stehen oft mitten auf dem Weg, an Weg- oder Waldrändern. Oft dort, wo buchstäblich steiniger Untergrund ein wenig gastliches Bett bietet. Vielleicht heissen sie ja deshalb Steinpilze. Keine Ahnung. Und dann wieder stehen sie tief im Wald, wo wenig Licht ankommt, auf braunem, bloß von Nadeln, Zweigen und Totholz bedecktem Boden. Der Steinpilz ist kein scheues Reh, er scheint die Gesellschaft des Menschen wenn schon nicht zu suchen, so wenigstens nicht zu meiden. Die schönsten und frischesten Exemplare, fest und wurmlos, fand ich mitten auf oder am Rand von gerölligen Forststraßen. Überhaupt sind Schwammerl keine ungeselligen Einzelgänger. Die meisten Arten treten in Gruppen, Scharen oft in Ringform, sogenannten Hexenringen auf. Kein Wunder wird der halbgebildete Laie sagen, sind sie doch unterirdisch durch weitverzweigte Netzwerke, auch als Myzel bekannt, verbunden. Tja, das unterirdische Leben der Pilze, wenig erforscht, sehr ausgedehnt, komplex und symbiotisch. Viele Arten gehen Lebensgemeinschaften mit bestimmten Baumarten ein. Man versorgt und schützt sich gegenseitig. Ein savoir vivre der besonderen Art. Wovon wir noch sehr wenig wissen, also auch die Experten. Warum es auch ziemlich schwierig ist, Pilze in eingens dafür angelegten Substraten, Kolonien und Plantagen zu züchten. Bei manchen Arten, die du im Supermarkt findest, ist es gelungen. Die begehrtetsten Spezies wie Eierschwammerl, Steinpilze - wovon es unzählige Unterarten gibt, Morcheln bis hin zum Trüffel, wiedersetzen sich der Zucht und kommerziellen Ausbeutung. Noch. Ich bin sicher, die Biotechniker werden auch das noch schaffen. Ob diese wirtschaftlichen Zuchtschwammerl allerdings in Geschmack, Aroma und Fleischqualität mit den wilden Artgenossen Schritt halten können, wage ich zu bezweifeln. Man sieht es ja beim Apfel, was Mensch in seiner Gier anrichtet. Die gängigen 10 Sorten, die tonnenweise in den Supermärkten verramscht werden, sehen zwar tadellos aus, haben aber nur 3 Geschmäcker, kein Aroma und nur Masse statt Klasse. Wer je eine der wunderbaren, charaktervollen alten Apfelsorten verkostet hat, die aus den Regalen verbannt werden, weil sie halt weniger ertragreich, häufig fleckig, schorfbefallen, von unregelmäßiger Gestalt dem Ideal des ewig gleichen Designerapfels widersprechen, wer je solche Äpfel genossen hat, wird nur widerwillig zu Gala, Elstar, Jonathan und Delicius greifen. Ich schweife ab.


    Schwammerl. Schwammerlsucher. Die meisten Pilzsammler beschränken sich auf 3 bis 5 Arten. Weil sie nicht mehr kennen, Angst vor giftigen Doppelgängern haben, vor Verwechslungen und einfach nicht mehr als diese paar Arten bestimmen können. Hierorts sind die am häufigsten gesammelten das erwähnte Eierschwammerl, der Steinpilz, der Parasol - und da hört es auch schon auf. Nur wenige Kenner sammeln die zahlreichen Täublinge, Wald- und Wiesenchampignons, Kraterellen, Totentrompete, Birkenpilz und Marone. Die oft in Scharen aus dem Boden schießen. Gut für mich und andere, die sich nicht auf die drei Favoriten beschränken. Eine abstoßende Eigenschaft vieler Pilzsucher und Waldspaziergänger ist die Unsitte, jeden Pilz, den sie sehen, umzustoßen und nicht selten zu zerteilen oder gar zu zertreten. Obwohl sie in der Regel eh nicht in der Lage sind, das arme Schwämmlein zu identifizieren. Was treibt so einen Idioten an, ein so wunderbares Lebewesen einfach zu zerstören? Dummheit, Unwissenheit allein kann es nicht sein. Lust am Töten, am Vernichten? Machtrausch, Sadismus, Überlegenheitgefühl? Der Homo insapiens wie er heissen sollte, kann anscheinend nicht ohne Unterdrückung, Ausbeutung, Zerstörung. Als ob es ihm angeboren, eingeprägt. Da kommt mir immer der verhängnisvolle Bibelspruch des ollen Jahwe in den Sinn vom Untertanmachen alles Getiers und Gewächses. Der wohl fatalste, folgenreichste Blödspruch der Menschheitsgeschichte.


    Zurück zu den Schwammerln. Ging gestern trotz Sturm und Lebensgefahr in den nahen Wald und sammelte einen Korb voll. Einige Maronen, ein paar Semmelstoppler, die letzten Eierschwammerl und einen Fuder voll Kraterellen. Alles sehr naß, weil es zuvor ausdauernd geregnet hatte. Die Kraterellen wurden getrocknet, der Rest zu einer Pfanne Pilzgulasch verköchelt. Und wieder wurde meine Erfahrung bestätigt, sie wachsen, wo sie wollen und nicht, wo ich sie vermute.


    Ein altes Vorurteil wäre noch zu klären. Oft hörst oder liest du, dass das massenhafte Schwammerlsuchen die Pilzbestände gefährde und zu deren Verschwinden beitrage. Das ist falsch. Solange ein Schwammerlsammler ein paar selbstverständliche Verhaltensweisen befolgt, kann durch bloßes Sammeln von Pilzen deren Bestand nicht gefährdet werden. Pflücke also nicht ganz junge, kleine Exemplare, sondern nur reife, ausgewachsene und beschädige nicht das Myzel darunter, dann wird deine Sammelwut keinen Schaden anrichten. Des Sammlers Objekte der Begierde sind nämlich nicht die Pilze selbst, sondern nur deren Früchte. Ein Schwammerl pflücken ist das Gleiche wie einen Apfel pflücken. Davon geht der Baum auch nicht kaputt. Der eigentliche Pilz webt und lebt unter der Erde. Meist in Form eines ausgedehnten Netzwerks, Myzel genannt. Oft in Symbiose mit anderen Pflanzen, deren Wurzeln und in gegenseitiger Nutzbarkeit. Baumschlägerei mit schwerem Gerät, das den Boden platt macht und zu Beton verdichtet, Kahlschläge, die die Sonneneinstrahlung und damit die Austrocknung fördern und zudem die für das Myzel notwendigen Baumwurzeln abtöten, gefährden den Pilzbestand buchstäblich radikal und nachhaltig. Neben anderen Faktoren wie Dürren, Erwärmung und manchem, von dem wir noch keine Ahnung haben. Wie gesagt, der Pilz, das unbekannte Wesen. Geheimnisvoll, sagenumwoben und banal dir zu Füßen sprießend. Wenn du dich in den Forst wagst und bewegst.


    Ich liebe sie die Schwammerl, ihre Vielfalt und Diversität (!), eigne sie mir kulturell und lukullisch an, kümmere mich weder um ihr Geschlecht, noch um ihre H(a)utfarbe. Es gibt einige Schwarze, die zu den köstlichsten gehören! Schlag nach im Pilzführer. Aber auch gelbe, rote, weiße, sogar grüne sind in Ausnahmefällen genießbar! Ja, der Pilz ist ein Paradebeispiel für Diversität, Grenzenlosigkeit, Durchmischung, Kooperation und 'Leben und leben lassen'. Meine Oma hätte gesagt, soll doch jeder nach seiner Fassong glücklich werden. Wobei auch 'unglücklich' mitschwingt. Voila. Cherchez le Champignon!

    Hier noch ein Bildchen vom gestrigen Fang:
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    • #47
      Pflicht versus Neigung. Bürgerpflicht und Verantwortung. Solidarität. Verzichtbar? Darf man als Bürger aussteigen aus der Pflichtverpflichtung, darf ich als Individuum meine zivile Verantwortung abgeben? Und wenn ja, wo? An der Abendkasse, in der Wahlzelle, beim Oktoberfest?


      Gefährliches Terrain, dünnes Eis oder Marktplatz der geballten Fäuste in den Hosentaschen? Ich hatte keinen Traum, aber eine Idee. Wie wäre es, wenn ich ausstiege? Bildlich. Altgedientes Arbeitsroß im Ausgedinge, das seine tägliche Haferration aus der Rentenpferdescheuer bezieht und dessen Pflichten im Wesentlichen darin bestehen, sich nicht absichtlich kaputtzusaufen, nicht gegen das Strafgesetzbuch zu verstoßen und den Enkeln kein abschreckendes Vorbild eines alten Idioten zu liefern. Noch was? Ach ja, staatsbürgerliche Verantwortung. Hat man. Per Geburt, per Staatsbürgerschaft, per Eintrag ins Wählerverzeichnis. Mit Erhalt der Steuernummer. Lebenslänglich.


      Ist ein bissl wie mit der Würde. Diesem Gespenst aus der Geisterbahn moralischer Phantasmagorien. Diesem unbekannten Wesen, vielbeschworen, doch nie materialisiert, nie dingfest gemacht. Ist ein bissl wie mit der Seele, der unsterblichen. Mit der Würde. Würde Seele endlich irgendwo entdeckt, gefunden, hätte die Würde endlich eine Heimstatt. So aber spukt sie rastlos und unerlöst durch Köpfe, über Schreibtische, hallt durch Parlamente und allerlei Versammlungen, guckt aus Gesetzen und pathostriefenden Deklarationen, mal hie, mal da und doch nirgends festzumachen. Wo war ich? Ach ja, darf ich sie alle abgeben die Insignien des demokratisch gesinnten und getrimmten Bürgertums, als da sind Pflichten, Rechte, Würden, Verantwortung, Gemeinsinn und allerlei kategorische Imperative und Konjunktive? Darf ich das?


      Wer fällt mir dazu ein? Zum politischen, moralischen Aussteigertum, zur zivilen Desertion. Erstmal Henry David Thoreau und sein Waldenexperiment. Sowas wie eine Kultfigur des bürgerlichen Eskapismus. Der hatte sich in einem Wäldchen nahe Bostons für zwei Jahre in einer selbstgezimmerten Blockhütte dem philosophisch unterfütterten Aussteigertum hingegeben. Führte Tagebuch und veröffentlichte dieses nach seiner Rückkehr in die Zivilisation. Das wurde dann eine Art Manifest elitärer Eremitage, sowas wie ein dandyhafter Versuch, sich aus dem weltlichen Getriebe frühindustrieller Geschäftigkeit zurückzuziehen. Thoreau kehrte zurück. Blieb in Kopf und Herz aber in Walden. Kann seinen Erfahrungsbericht nur allen empfehlen. Thoreau war und blieb so was wie ein Idol, ein Vorbild, ein Pionier des alternativen Lebensentwurfs. Heute wäre er, obwohl ein Grüner, bevor es dieses Etikett gab, bei den Grünen etwa so beliebt wie Sarah Wagenknecht bei der Linken. Ein Thoreau und Gendern? Ein Thoreau und die heutigen Spielarten des politischen Pharisäertums von Anti-* bis Queerism? Aber Achtung, so wenig Thoreau fürs linksgrünrosa Biotop taugte, so wenig passte er in den rechtsrabiaten Bierzeltmief wutbürgerlicher Verweigerungshaltung.


      Dazu fallen mir noch ein paar Namen ein, Rousseau, diese Gallionsfigur des Eskapismus und der Zivilisationskritik; mehr oder weniger die gesamte Romantik trägt Züge des Eskapismus und der Weltflucht, in der Gegenwart würde ich pars pro toto Handke und Dylan als Eskapisten nennen. Dass man damit den Literaturnobelpreis erhalten kann, bringt mich auf die Idee, das Schreiben selbst als eskapistisch zu begreifen. Schreiben ist allemal leichter als handeln. Beim Schreiben kannst du dich zum Helden stilisieren (lies Karl May), kannst die Welt aus den Angeln heben, Revolutionen inszenieren, Gott und Teufel zur Hölle schicken. Schreiben ist die vielleicht anerkannteste, gesellschaftlich angesehenste Form des Eskapismus, der Schriftsteller ein notorischer Aussteiger, Aufschieber, Prokrastinat? Schreiben ist jedenfalls eine Art Weltflucht, Wirklichkeitsverweigerung. Das ist nicht wertend gemeint. Denn die Frage bleibt, muß ich mich der der gesellschaftlichen Verantwortung, der politischen Mitwirkung am zivilisatorischen Projekt überhaupt stellen? Gibt es eine Pflicht zur sozialen und politischen Integration, Kooperation? Die Antworten auf diese Frage fallen sicher unterschiedlich aus. Ich sehe diese Pflicht nicht, solange ich mich nicht gemeinschaftsschädigend oder kriminell verhalte. Und im Fall des Schreibens denk ich, es ist wahrscheinlich allemal besser, dass jemand zur Tastatur greift, als zum Maschinengewehr. Dennoch halte ich die ganze Schriftstellerei für maßlos überbewertet, Schriftsteller für überschätzt. Überhaupt ist mir der ganze Geniekult in der Kunst- und Kulturszene höchst suspekt. Und, wer sich selbst für ein Genie hält, ist mit Sicherheit keins.


      Pflicht vor Neigung, das gilt seit Menschengedenken als die Devise für ein stabiles Staatsgefüge. Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage dich, was du für dein Land tun kannst. Was in der modernen Demokratie den Charakter einer Selbstverpflichtung hat, war in feudalistischen Zeiten und ist in totalitär regierten Ländern bis heute Zwang von oben. Da bleibt nur noch die innere Emigration. Davor haben sie Angst, die Despoten. Deshalb schnüffeln sie jeder hochgezogenen Augenbraue hinterher, bespitzeln sie die Untertanen beim täglichen Tratsch mit dem Nachbarn und spionieren sie die Leute aus bis hin zum Gang aufs Clo. Der Tyrann fürchtet nichts so sehr wie die geballte Faust in der Hosentasche. Da braucht es gar keinen Dolch im Gewande. Gesinnungsschnüffelei zeichnet sie alle aus, die Despoten. Jüngstes und aktuelles Beispiel die Überwachungsmanie in China. Auch die braunen Rassehygeniker des 3. Reichs hatten ihre Blockwarte, die jede leise Kritik am Führermythos nach oben meldeten. Die Paranoia vor dem illoyalen Bürger feierte auch in der DDR und anderen Staaten des real existierenden Sozialismus fröhliche Urständ. Doch auch der ach so freie Westen hat sie. Die politischen Sittenwächter und geheimen Geheimdienstnetzwerke zur Erspähung staatsfeindlicher Denke und Agitation. Dem Staat, egal wie gestrickt, ist die Loyalität der Bürgerleins sehr wichtig. Ja, sie ist der Kitt der Gesellschaft und des Systems.


      Was aber, wenn der Einzelne sich nicht für Pflicht und Loyalität erwärmen kann, wenn er die gegebene staatliche Ordnung oder eine solche überhaupt ablehnt, wenn er im Herzen Anarchist, Systemfeind oder bloß Verächter ist? Soll man ihn bestrafen, von den Wohltaten staatlicher Fürsorge ausschließen, isolieren, inhaftieren oder gar liquidieren? Je nachdem, ist alles schon dagewesen, kommt täglich vor und wird auch künftig passieren. Wer sich nicht anpasst, integriert, wird aussortiert. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kittchen. So ist es Brauch, bei den Tyrannen wie bei den Demokraten. Graduell unterschiedlich, ja, doch im Geiste sind sie sich ähnlich. All die Staatsdenker und Staatslenker, von Diktatur bis Demokratie. Das Gemeinwesen braucht Idenktifikation mit dem System, soll es funktionieren. Wer nicht mitspielt, muß raus, Spielverderber sind unerwünscht.


      So. Muß ich mich also entscheiden. Ob ich ein guter, ein lauer, gleichgültiger oder gar ein schlechter Bürger bin. Sein will. Das Herz ist Anarchist, der Kopf Realist. Das Gefühl sagt, so kann es nicht weiter gehen, das System ist morsch, korrupt, unverbesserlich. Der Verstand sagt, wir haben nichts Besseres, Mensch ist nunmal egoistisch, habgierig, kurzsichtig. Wir können nur versuchen, mit Hilfe von Gesetzen das Schlimmste zu verhindern. Dafür haben wir unsere Verfassung, die DNA des Staatsorganismus. Das Herz will sich damit nicht zufrieden geben. Angesichts einer global dräuenden Klimakatastrophe, angesichts dutzender Krisen von A wie Atomausstieg, E wie Elektromobilität, N wie Nachhaltigkeit bis Z wie Zerstörung unserer Lebensräume. Schließlich sind an den meisten Krisen und Bedrohungen unserer Lebensbedingungen mehr oder weniger alle Menschen, Mitbürger, Weltbürger beteiligt. Ich kann mich abstrampeln, wie ich will, am globalen CO2-Ausstoß, am globalen Fußabdruck, Weltverbrauch ändert das nichts. Es beruhigt lediglich mein Gewissen. Und ja, ich weiß, das ist ein beliebtes Totschlagargument, seinen Arsch nicht zu heben, seinen Lebensstil nicht zu ändern. Was ich sagen will, nicht nur ich verhalte mich unmoralisch im Sinne der Goldenen Regel, des Kategorischen Imperativs, sondern fast alle meiner Erdenmitbewohner auch. Selbst die, die aufgrund ihrer Armut über keinen großen ökologischen Fußabdruck verfügen. Sie alle streben danach, den meinen zu erreichen. Es gibt also weder aus moralischer noch sonstiger Sicht eine Verpflichtung für mich, ein guter, solidarischer Bürger zu sein. Ich kann aussteigen wann und wie radikal ich will, das ist nur meine Sache. Allerdings muß ich auch die Konsequenzen tragen. Kann nicht erwarten, vom Notarzthubschrauber ins nächste Spital geflogen zu werden, wenn ich in meiner Eremitenklause an einer Blinddarmentzündung erkranke, einen Schlagnafall erleide oder mir das Bein breche. Dann werde ich sterben. Qualvoll oder mich selbst erlösend durch eine Kugel in den Kopf. Wenn ich dazu noch fähig bin.


      Es gibt keine Verpflichtung zur Sozialität, Kooperation, zum Altruismus, zur Nächstenliebe. Ich muß dann aber bereit sein, selbst auf diese Haltungen und Leistungen meiner Umwelt mir gegenüber zu verzichten. Andernfalls bin ich inkonsequent, ein Parasit und Schmarotzer. Da fangen die Schwierigkeiten an. Selbst Thoreau in seiner Hütte, konnte nicht ganz auf Waren, die andere herstellten verzichten. Er ging regelmäßig in die nächstgelegene Ansiedlung, um benötigte Artefakte einzukaufen. Auch brauchte er einige Nahrungsmittel, die er nicht im Wald fand, selber anbauen oder zubereiten konnte wie Öl, Salz, Zucker etc. Er hätte ganz darauf verzichten können, ohne gleich zu verhungern, doch das Leben wird ganz schön beschwerlich und ungemütlich, je weiter man den Verzicht treibt. Heute käme die völlige Abstinenz von technischen Gebrauchsgegenständen wie Handy, Computer, Verkehrsmittel dazu, ebenso die Verweigerung elektronischen Zahlungsverkehrs, einer Bankverbindung und anderer Zugänge zum wirtschaftlichen und behördlichen Leben. Es ist eine Frage, wie weit man es treibt. Am Ende stehst du natürlich ohne Einkommen, ohne Geld, ohne Wohnung - ohne Überlebensmöglichkeit da. So weit wollen wir es nicht kommen lassen. Wo die Grenze ist, muß jeder Aussteiger selbst bestimmen. Die meisten Eskapisten sind wohlhabende Leute, die sich ihr Hobby leisten können und mit einem Wohnmobil durch die Gegend fahren, ein bequemes Leben mit allen Annehmlichkeiten in einer abgelegenen Gegend führen oder durch die Welt radeln, wandern, trampen - allerdings mit Smartphone, Kreditkarten und bester Ausrüstung versehen. Nur wenige wagen den Schritt in eine Haushofersche Wandisolation inklusive Selbstversorgung und Weltabgeschiedenheit.


      Jetzt bin ich schon wieder zu weit gestürmt. Es ist ja weniger die Frage, wie weit und radikal ich mich von Gütern und Leistungen des persönlichen Bedarfs und darüberhinaus trenne und abschneide, sondern der inneren Haltung und Einstellung. Wenn es keine Verpflichtung zur Sozialität und Loyalität gegenüber Staat und Gesellschaft gibt, dann darf ich meine anarchistischen Gedanken hegen, wie ich will, darf antisozial eingestellt sein, als Menschenfeind durch mein trauriges oder verbittertes Leben gehen, darf meinen Weltfrust pflegen und kultivieren, darf das Universum, Gott und die Quantenphysik ablehnen, darf jegliche Existenz verfluchen und mich am Ende selbst entleiben. Darf ich alles. Ohne Schuld auf mich zu laden, ohne moralisch verwerflich zu handeln, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Wenn ich denn ein solches noch anerkenne und akzeptiere. Solange ich niemand aktiv schade, betrüge, verletze, sonstwie an seinem Glück hindere, solange darf ich denken, handeln, leben wie ich will. Sollte halt nur so fair sein, die Nachteile in Kauf zu nehmen. Trage jeder die Früchte seiner Taten. Was ja grad unter den Menschenfreunden, Altruisten und anderen Vertretern von Moral und ethischer Vorbildlichkeit nicht die verbreitetste Tugend ist. Die erwarten und fordern lauthals Solidarität für die Folgen persönlicher Dummheit und Fehlverhaltens. Weil sie ja selber auch so solidarisch sind, wären, wenn sie es sich leisten könnten. Leider können sie nicht. Im politischen Diskurs heisst das Sozialschmarotzertum. Was für ein hässliches Wort. Dagegen ist doch ein weltverdrossener Eremit direkt ein sympathischer Zeitgenosse. Oder nicht?


      ***

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      • #48
        Ist irgendwie Krampf, aber sie ging mir in den letzten Tagen öfter durch den Sinn. Warum weiß ich nicht. Dürfte an der Weltlage, dem persönlichen Unbehagen am Lauf der Dinge nah und fern, einer beginnenden Altersdepression, der langen Reihe von Unbillen des heurigen Jahres oder meiner Unfähigkeit, komplexe Sachverhalte zu begreifen, liegen. Bevor ich verrate, wovon die Rede ist, eine Anekdote aus der Frühzeit der Schöpfung. Wahr oder nicht, egal. Wer war schon dabei? Als Gott die Welt erschuf - ja, ich weiß, so beginnen fast alle Witze mit Ihm -, also als er ans Werk ging, frug er sich, wie er sie anlegen sollte, die Welt. Als Komödie, Tragödie oder Farce. Da er sich nicht entscheiden konnte, würfelte er. (Einstein hatte also unrecht, denn Gott würfelte tatsächlich). 1 stand für Komödie, 2 für Tragödie und 3 für Farce. Doch er würfelte eine Sechs. Eh klar, Gott kann nur Sechser würfeln. Und da Sechs das Produkt aus 1x2x3 ist, wurde die Welt also ein Produkt aus Komödie, Tragödie und Farce. Er entschied das so, nicht ich. Und er sagte, mal sehen, wer gewinnt. Das Match läuft bis heute und ist noch nicht entschieden. Die himmlischen Wettbüros sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Komödie und Farce. Die Tragödie hat ausgedient. Sie würde nämlich den Versuch des tragischen Helden Homo sapiens voraussetzen, die Katastrophe abzuwenden. Doch der ergeht sich in törichter Selbstzufriedenheit, wähnt sich als Gottes Ebenbild und hängt sich selbst allerlei Orden um. Warum ich diese alberne Geschichte erzähle? Keine Ahnung. Wo der Witz liege? Gut verborgen. Was die Pointe sei? Gibt's keine. Der liebe Gott braucht das alles nicht. Ich persönlich glaube ja, dass die Welt ein Missgeschick Gottes sei. Der hat nix geplant, der hat nix auf ein Ziel hin geschaffen, Teleologie ist eine Erfindung des Menschen. Ihm war fad da oben in seinem himmlischen Kerker. Kein Wunder, ist die Ewigkeit doch ziemlich lang. Also zeitlich gesehen. Und egal, wo in der Zeit du bist, es liegt eine Unendlichkeit hinter und eine ebensolche vor dir. Das kann schon zu einer veritablen göttlichen Depression führen. Und dann machst du sowas. Zur Zerstreuung. Aus Langeweile. Wär ich Gott, hätt ich mich schon längst umgebracht. Hat er vielleicht ja auch inzwischen. Nietzsche verkündete ja längst seinen Tod. Genauer gesagt, sein Totsein. Über sein Sterben sagt er nichts. Wie auch. Übrigens, obwohl Er allmächtig, kann er sich nicht umbringen. Rein logisch. Weil Er ja ewig. Ein circolo vizioso. Ach, es ist öde. Wie immer, was immer du mit diesem Hirngespinst beginnst, es endet in Ödnis. Göttlicher Öde. Sie ist die Strafe für seine Herumgötterei. Der alte Goethe sagte so treffend: Ich kenne nichts Ärmeresunter der Sonn‘ als euch Götter! Na gut, bei uns sitzt der Gott nicht unter der Sonn', sondern über ihr, aber sonst passt das schon. Liest man weiter im Vers vom Prometheus, reimt es der alte Weimarer Hofnarr denen da oben so richtig rein:
        Ihr nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch Eure Majestät und darbtet, wären
        nicht Kinder und Bettler hoffnungsvolle Toren.


        Und weiter geht's: Ich dich ehren? Wofür?Hast du die Schmerzen gelindert je des Beladenen?Hast du die Tränen gestillet je des Geängsteten?...


        Man sieht, bei Gott geht es auch nicht anders zu als bei uns. Warum also sollte ich mich länger mit himmlischer Langeweile, Gleichgültigkeit und endloser Wiederholung des ewig Gleichen aufhalten? Wo doch auf der Erde genug Wahnsinn herrscht. Ein Aspekt desselben geht mir der Tage nicht aus dem Sinn. Wie gesagt, warum weiß ich nicht. Aber das trifft ja auf fast alles zu, was so durch den Hirnschädel zieht, dahinschwadet, umherspukt. Ein solches Phantasma ist der unerschütterliche Glaube des gemeinen Menschen an seine Einzigartigkeit, seine Sonderstellung in der Natur. Sie ziehen eine rote Linie zwischen sich und den Tieren, von anderen Lebewesen ganz zu schweigen. Hier der Mensch, da der Rest der Natur. Eigentlich sieht sich Mensch ja nur auf Grund seines Körpers an die Natur gefesselt, seine Seele, sein Geist höben ihn unendlich darüber hinaus. Sagt er. Daraus entstand die Legende der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott. Dabei ist es einerlei, ob Gott tatsächlich den Menschen nach seinem Ebenbild schuf oder Mensch das bloß erfand, aus welchen Gründen auch immer. Ersteres ist so unsinnig und abwegig, dass ich mich hier nicht länger damit befassen will. Die viel wahrscheinlichere These ist, dass Mensch sich evolutionär über seine Tiergenossen erhob und irgendwann auf die wahnsinnige Idee seiner Exklusivität kam. Die Erfindung von Seele, Geist, Gott und Teufel war der alles entscheidende erste Schritt, sich über die Natur zu stellen, sie zu beherrschen, sie sich untertan zu machen. Ist der Damm erst gebrochen, fallen immer mehr Hemmschwellen, Hindernisse und die Flut der Selbstüberhöhung schwillt und schwillt.


        Wann es begann, wissen wir nicht. Mit dem Totenkult, dem Glauben an ein Jenseits, mit Entwicklung des abstrakten Denkens und damit der Erklärungssucht, Erklärungswut, die uns auszeichnet? Die ersten Höhlenmalereien sind wohl Zeugnis für das Abheben des Menschengeistes aus der natürlichen Geborgenheit. Die magische Einheit von Mensch und Welt zerfiel, brach auseinander, Geister und Götter mussten her, um die entfremdete Natur zu verstehen. Und irgendwann kam dann der menschliche Sündenfall: er wollte sein wie Gott. In der Bibel geht das noch einher mit der ewigen Verdammnis des Satans. Auf der Erde mit der Vertreibung aus dem Paradies. Klarer und eindeutiger kann man es eh nicht sagen, als in der Legende vom Paradies. Dort lebten die ersten Menschen in selbstvergessener Unschuld und Einheit mit Mama Natur. Nur ein einziges Tabu, Verbot gab's: Das Essen vom Baum der Erkenntnis. Und da kam er dann auch in Verkleidung einer Schlange: der Versucher, Satan. Der, der sein wollte wie Er. Und Mensch wollte das auch. Womit das Unheil seinen Lauf nahm. Natürlich musste es das Weib sein, das den armen, naiven Manne ins Unglück stürzte. Zwei Fliegen mit einem Schlag: Der Teufel war's und das Weib. Und Mann war das Opfer. Als ob's ein Stück der katholischen Theologie wär. Die Vertreibung aus dem Paradies folgte, der Preis, der für den Verlust der naturgegebenen Unschuld zu zahlen war. Fortan musste Mensch schuften, Frondienst leisten, Kriege führen, sich versklaven und versklaven lassen. Aber Mann war frei. Dachte er. Herrschte über Tiere und alles, was sproß und gedieh. War Ebenbild Gottes. - Nun, wenn Gottesebenbildlichkeit nur einhergeht mit Vertreibung aus paradiesischer Unschuld, dann sagt das alles über diesen Gott. Was für ein armseliger Wicht. Da fallen mir wieder Goethe und sein Prometheus ein!


        So, das wäre geklärt. Und natürlich - wie schon wieder der olle Goethe erkannte - es ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortwährend Böses muß gebären! Tja, so ist das nunmal mit der Freiheit. Sie kann und wird auch für das Abwegige, den größten Blödsinn genutzt werden. Mensch begriff mählich, dass er seine Fähigkeiten nutzen konnte, andere und Anderes auszunutzen, auszubeuten. Und so hantelten wir uns über Jahrtausende und Jahrhunderte hoch bis heute. Erst einfache Werkzeuge, Domestizierung von Wildtieren, dann Waffen, nicht nur zu Jagd, sondern auch für Stammesfehden und Kriegszüge. Vom rössergezogenen Kampfwagen bis zur ferngesteuerten Atombombe ist es ein langer, steiniger, über und über mit Blut besudelter Weg. Aber wir sind Herrscher über das Gekreuch und Gefleuch. Nur nicht über uns selbst, unsere Emotionen und Triebe. Und damit uns schlechtes Gewissen, Scham und Schuldgefühle über unser Versagen, unsere Schandtaten nicht erdrücken, mussten Gegengewichte her. Prädikate, Insignien, Kennzeichen unserer Macht und Herrlichkeit. Innere und äußere Orden und Auszeichnungen für unser Selbstwertgefühl. Und schwupps, irgendwann und irgendwie, man weiß nicht wie, war sie da. Die Würde. Natürlich angeboren, dem Menschsein immanent und nur dem, unveräusserlich, unvergänglich, unkaputtbar. Quasi das Pendant zur Erbschuld die Erbwürde. Ein exklusives Geschenk der Götter an ihre Söhne und - ja, Mann tat sich schon schwer - Töchter. Und jetzt haben wir den Salat. Wir würdevollen und würdelosen Geschöpfe. Eine geniale Idee. Endlich ein direkt von Gott und Göttern verliehenes, unveräusserliches Faustpfand unserer Gottebenbildlichkeit. Damit haben wir uns unwiderruflich und definitiv über die Natur erhoben.


        Es ist ein schon ein rechter Krampf mit der Würde. Niemand weiß, was sie sein soll, woraus sie besteht, woher sie kommt, wohin sie geht. Niemand weiß, was ihr Wesen, ihr Charakter, ihre Substanz. Ging man früher noch pragmatischer um mit ihr und hängte sie an Ämter, Institutionen und deren Vertreter wie Könige, Minister, den Adel - bis heute spricht man von der Würde des Amtes, wenn auch die Amtsträger oft würdelos agierten, so kam man grad im Zuge der Aufklärung auf die an sich widersinnige Idee, dem Menschen allein eine unveräusserliche, qua Menschsein ihm innewohnende Würde zu verleihen. Wie lächerlich, wie absurd. Allein die Selbstverleihung ist würdelos. Finde ich. Wie so oft war es der unselige Kant, der dieses Kuckucksei legte. Der alte Königsberger ist wirklich ein schwer verdauliches Musterbeispiel an Inkonsequenz. Schwingt er sich in seiner Erkenntniskritik oft auf schwindelnde Höhen, stürzt er im Handumdrehen ins tiefste Sumpfgebiet moralischer Provinzialität, wobei er die von ihm gepriesene Vernunft mit Füßen tritt und aufs Abscheulichste vergewaltigt. Kant postuliert eine intrinsische Würde für die ganze Menschheit, den Menschen an sich. Als wäre das Ding an sich nicht genug, weitet er die Ansichlichkeit - die ja unerkennbar, hier widerspricht er sich selbst, aber das hat bei ihm ja Tradition - auf den Menschen an sich aus. Und dessen bestimmendes Wesen sei nun mal die Vernunft und mit dieser auf ewig, unverbrüchlich, ununterscheidbar verbunden, verwickelt, verzwickelt, verkantet, verhegelt, verdammt noch mal. Es ist ein rechter Krampf mit der Würde. Wir wissen immer noch nicht, woraus sie besteht, was sie ausmacht. Die Vernunft? Lächerlich. Grad sie sollte diesen Popanz aus unserem Denken ausschließen! Die Freiheit, die Zwecklosigkeit des Menschen? Merkt man nicht, wie sinnbefreit diese Zuschreibungen sind? Die Vernunft ist kein von Gott verliehenes Werkzeug, sondern ein evolutionär antrainierter Vorteil, ein Fitnessvorsprung der Gattung Homo sapiens. Wir finden Ansätze bei aller Arten höherer Tiere. Je mehr sich Forscher damit befassen, umso erstaunlichere Ergebnisse zeitigen ihre Versuche. Die reine Vernunft, deren entschiedenster Verfechter Kant war, ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist Ergebnis langsamer Entwicklung unserer Großhirnrinde. Etwas anderes anzunehmen, wäre unvernünftig.


        Noch einen Schritt weiter als Kant gehen seine Epigonen. Sie schließen aus der unveräusserlichen Würde des Menschen an sich, sie müsse zum Zeitpunkt der Zeugung in den Fötus schlüpfen - Anderes wäre inkonsequent und sinnlos, und folgern daraus ebensolche Rechte, die Menschenrechte. Jetzt ist der Kuckuck geschlüpft. Qua Würde besitzt Mensch an sich unveräusserliche Rechte. Wie bequem, wie praktisch. Keine andere Spezies besitzt eine Würde und damit auch keinerlei Rechte eo ipso. Dass damit die radikalen Abtreibungsgegner ein unschlagbares Argument für ihre rigiden Forderungen in die Hand bekämen, das kümmert unsere Würdenträger nicht. Ein bissl Inkonsequenz darf schon sein. Dass damit gleichzeitig die brutale, hemmungslose Ausbeutung von Tieren, Pflanzen, Wäldern, Böden usw. gerechtfertigt ist, wen stört's? Herr-lich so eine Würde und solche exklusiven Rechte!


        Was man mit dieser Würde alles anstellen kann. Beinah schon würdelos. Die Väter des deutschen Grundgesetzes folgten Kant und setzten gleich zu Beginn ihres Gesetzesmonsters den Satz: '...' Ja, eh schon wissen. Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Wie wahr. Und so hampeln und strampeln wir weiter durch das Würdelabyrinth. Verstricken uns immer mehr in Widersprüche. Was aber niemand stört. So lange es nützt, ist es o.k. Im praktischen Handeln, im Alltag des Wirtschaftens und Politisierens, in der banalen Lebenswirklichkeit spielt die Würde kaum eine Rolle. Zu besonderen Anlässen, in den Reden staatlicher Oberhäupter und Würdenträger, in Verfassungen, Deklarationen und Manifesten philosophischer, politischer, religiöser Vor- und Nachdenker wird sie hervorgeholt wie die Monstranz zu Fronleichnam. Sie ist das unverzichtbare Unikum, Faktotum, Vademecum menschlicher Exklusivität, Gottebenbildlichkeit.


        Es reicht. Ich wende mich mit Schüttelfrost und aufkommendem Ekel. Würdelos und bar jeder Dignitas. Dabei wäre es so einfach. Verknüpfte man Würde mit Leistung, Anstand, Redlichkeit. Ich gestehe jedem gern eine Würde zu. Ja, wirklich. Wer sich müht, anständig, redlich, fair durchs Leben zu gehen, dem gebührt von mir aus eine Würde. Wer lügt, betrügt, stiehlt, rücksichtslos gegen Andere nur seinen Vorteil sucht, der hat sie verspielt die Würde. Sag ich. Grundgesetz hin oder her. Würde muss ich mir verdienen. Punkt.


        PS: Übrigens, die klassischen Olympier Göthen und Schillern, waren gar nicht so verklemmte Pathetiker, wie uns die Schullehrer, Exegeten und Klassikenthusiasten weismachen wollen. Ich denk mir, die waren - bei aller Schrulligkeit und idealistischem Übereifer in manch ihrer Schöpfungen, doch auch ganz geerdete und genußfreudige Typen. Der Schiller jedenfalls sah das mit der Würde gar nicht so eng. Der sagte nämlich zur Würde Folgendes: Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.


        Tja, da staunt ihr Würdefreaks.


        ***

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        • #49
          Theorie oder Praxis. Ratio oder Erfahrung. Geist versus Materie. Deduktion oder Induktion. Verifikation oder Falsifikation. Glaube oder Zweifel. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Der Kampf in der Philosophie, in Natur- und Geisteswissenschaften dauert an. Wer hat recht? Die Rationalisten oder die Empiristen, die Selbstgewissen oder die Zweifler?


          Allgemein gilt Descartes als der Begründer des neuzeitlichen Rationalismus. Sein 'Ich denke, also bin ich' ist die Conclusio aus einer Gedankenkette, dass ich letztlich alles aus meinem Denken bezweifeln, entfernen könne, nur den Zweifel nicht. Und die Tatsache, dass ich, selbst wenn ich irre, immer noch ein Irrender bin, beweise, dass ich bin. Naja, dass das Denken das Sein beweise, gilt nur für den Lebenden. Denn nur der kann denken, zweifeln. Das Denken aber ist lediglich ein zufälliger, noch kein notwendiger Grund für das Sein. Und schon gar nicht hinreichend. Es ist bloß eine Zugabe für einen Teil des Seienden. Es könnte, soll ja auch Dinge geben, die ohne Denken sind. Im Wesentlichen sind das all die unbelebten Sachen, die ja die erdrückende Mehrheit im Universum ausmachen. Alles andere führt in den Solipsismus. Und den hab ich schon erledigt. Für mich.


          Ich halte den reinen Rationalismus für ebenso kurzschlüssig und beschränkt wie den reinen Empirismus. Aber langsam, nur ned hudeln, also vorgreifen. In den Lehrbüchern steht, dass sich der Rationalist der Deduktion, der Empirist der Induktion verschrieben habe. Die Deduktion schließt vom Allgemeinen auf das Besondere, die Induktion vom Besonderen auf das Allgemeine. So hab ich es in der Schule gelernt. So steht es in den Lehrbüchern. Der Rationalist glaubt an den Primat der Vernunft, der Empirist an den der Natur. Als ob das unvereinbare Gegensätze wären. Wenn ich anfange, die Vernunft als etwas von der Natur Unabhängiges, ohne die Natur Bestehendes zu postulieren, lande ich entweder im Labyrinth des Idealismus oder schlimmer, im Sumpf der Theologie oder ich laufe auf den seichten Grund des Solipsismus. Der reine, radikale Rationalist ist also ein von der Vernunft hoffnungslos in die Irre Geleiteter. Woher sollten sie kommen, die Weisheiten der Vernunft, wenn nicht aus der Natur selbst? Und wie schaut es mit dem reinen Empiristen aus? Sein Problem ist, dass er ohne Ratio gar nix erreichen kann, dass er ohne Vernunft ein auf der Stelle Tretender ist, nix weiter bringt, als sich ständig im Kreis zu drehen. Erst die Logik versetzt ihn in die Lage, Schlüsse zu ziehen, eine Vorstellung von den Gesetzmäßigkeiten zu entwickeln, die seine Erfahrungen zu einem Bild der Welt zu verbinden. Beide Disziplinen, der Rationalismus wie der Empirismus, sind zusammen erst in der Lage, ein halbweg stimmiges, ausgewogenes Bild von der Welt zu zeichnen.


          Nun sind wir ja inzwischen alle kritisch geschult, dialektisch gerüstet genug, um jedem Monopolismus im Ringen um die Welterkenntnis wenigstens einen Dualismus, wenn nicht eine Vielfalt an Möglichkeiten der Weltdeutungen und ihre Wege dorthin entgegenzusetzen. Kein Entweder-Oder, sondern ein Wenn-dann? Vielleicht sogar ein Sowohl-als-auch? Meine Meinung dazu, das Denken wird allgemein überschätzt. Also nicht dass ich dem Glauben statt des Denkens hier den Vorzug geben wollte. Nur ist dem Denken auch nicht unbedingt zu trauen. Wenn ich für den Glauben das Bild eines Blinden und Tauben wähle, der sich an jeder Ecke den Schädel anhaut, der keinen Warnruf, kein Hupen wahrnimmt und sehr bald unter die Räder kommt, so wäre das Denken ein schwerhöriger Einäugiger. Oder ein einäugiger Schwerhöriger. Jedenfalls ein Wesen mit Defiziten und ständig der Gefahr ausgesetzt zu straucheln, zu fallen, einem Unfall zum Opfer zu fallen. Zu viele 'zus', zu viele Infinitive in meinen Gedanken und Sätzen. Kein gutes Zeichen. Zu kompliziert gedacht. Zu zu, zu zugemüllt mit unnötigen Zu-Taten. Also, zu-rück an den Start.


          Erstens Ratio, Vernunft. Zweifellos notwendig für Erkenntnis. Aber auch hinreichend? Nein, sage ich fest und bestimmt. Es gibt nichts in der Vernunft, was nicht zuvor in den Sinnen war. Dieses Glaubensbekenntnis aller Empiristen erweiterte der Leibniz um den Zusatz 'ausser der Vernunft selbst'. Da haben wir wieder den Salat. Was ist nun diese Vernunft selbst? Für den Rationalisten ist sie das Um und Auf der Erkenntnis, die Voraussetzung, die Bedingug derselben. Was ja erstmal nicht falsch erscheint. Problematisch wird es erst, wenn sie die Vernunft als ausserhalb, über der Natur, jenseits und unabhängig von aller Erfahrung setzen. Der Sündenfall des Rationalismus. Das hat der olle Kant erkant. Das muß ich ihm zugute halten. Er meinte, 'Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.' Was nichts anderes heisst als, reine Vernunft ist leer, Erfahrung ohne Vernuft ist blind. Taub. Wenn die Vernunft ohne Inhalt leer ist, so ist sie ein Gefäß ohne Inhalt. Sowas wie der Raum als Voraussetzung für die Dinge. Ohne Raum hätten die Dinge keinen Platz, keine Ereignismöglichkeit. Der Fehler des radikalen Rationalismus besteht darin, die Vernunft als unabhängig von der Erfahrung seiendes Organ zu setzen, ein reingeistiges Pendant zu Gehirn, Leber oder Herz. Isse offensichtlich nicht. Wenn, dann findet sie sich in der Struktur, der Organisation des Gehirns, des ganzen Organismus. Wir denken nämlich nicht nur mit dem Gehirn! Wir denken auch mit den Augen, den Ohren, ja sogar mit dem Darm. Eine Vernunft ohne funktionierenden Organismus ist wie ein Ding ohne Raum und Zeit. Eben nichts. Bestenfalls ein Konzept, eine Vorstellung, womit sich die Katz aber in den unerreichbaren Schwanz beisst. Weil eine Vorstellung von der Vorstellung von der Vorstellung .....


          Wenn die Vernunft, sagen wir besser das Denken, das Bewusstsein als umfassendere Begriffe, wenn das Denken also einen Organismus voraussetzt, und dieser Organismus Resultat einer langen Reihe von Entwicklungen, Adaptionen, Veränderungen, kurz der Selektion ist, dann ist das Denken eben auch ein Resultat dieser Selektion. Die Vernunft als Teil des Denkens ist somit erwachsen, entstanden, geformt, strukturiert, organisiert nach den Gesetzen der Natur. Der stofflichen, materiellen, physikalischen Natur. Wobei wir heute wissen, dass es mit der Stofflichkeit nach der Quantenphysik auch nicht so weit her ist. Welle, Teilchen, Masse, Energie - alles irgendwie aus demselben Garn gestrickt. Das, was Kant und seine Epigonen als Urteile a priori bezeichnen und als Triumph des Geistes über die schnöde Natur feiern, ist mitnichten a priori. Für die Rationalisten und Kantianer ist das Erkenntnisvermögen, das solche Erkenntnis a priori möglich macht, die Vernunft. Und ihre Begriffe, er nennt sie Kategorien, dazu gehören Raum, Zeit, Quantität, Qualität, Relation, Modalität. Doch schon bei Raum und Zeit ist evident, dass sie nicht vom Himmel gefallene - tranzendentale - Grundbegriffe sind, sondern evolutionär angewöhnte Anschauungsformen unserer Sinne. Und zwar körperlich bestimmt, nicht transzendent vorgegeben. Frag mal einen Menschen mit Gleichgewichtsstörungen, wo oben und unten, links und rechts. Frag mal einen Blinden nach nah und fern, Entfernungsrelationen. Er wird sich schwer tun. A priori ist da gar nichts. Bestenfalls angeboren, evolutionär herausgebildet. Wie sollte auch etwas vor aller Erfahrung - sie nennen es 'notwendig', also unbedingt, im Gegensatz zu 'bedingt' - in unser Denken gelangen? Sie sagen, es sei die Vernunft selbst, die diese Unbedingtheit liefere. Die Vernunft also. Und woher kommt die Vernunft? Wenn nicht portofrei vom Himmel qua göttlicher Vererbung, dann doch wohl eher aus einer langen Reihe von Anpassungen unseres Organismus an seine Umwelt. Irgendwann war unser Denkeisen soweit gediehen, dass es abstrahieren konnte, die Vernunft war geboren. Ha, triumphieren jetzt die Rationalisten: und woher kommt diese Abstraktionsfähigkeit? Ja, woher? Von Gott oder aus der Natur? Die Ergebnisse von Versuchen mit 'klugen' Tieren wie Rabenvögeln, Primaten, Haustieren zeigen ganz klar, dass diese bereits Schlüsse ziehen, also vernünftig denken können. Wenn auch nicht so elaboriert wie wir, doch Vernunft ist auch bei diesen ganz klar vorhanden. Nicht kiloweise wie im Menschenhirn, doch immerhin.A priori muss nach allem, was wir heute wissen, durch ex progressu ersetzt werden. Vernunft ist kein fertiges, vom Himmel gefallenes Geschenk der Götter, sondern ein durch Entwicklung erworbenes Vermögen, die Welt zu deuten. Dieser prozesshafte Charakter, der unserem Erkennen anhaftet, wird zumeist übersehen. Wir glauben, Logik, Abstraktion, formales Denken seien von allem Anfang an fest Vorhandenes, Gegebenes. Unveränderlich wie die Gesetze des Denkens. Glaub ich nicht. Ich denke, wir haben uns im Laufe unzähliger Generationen allmählich, asymptotisch an die Natur und ihre Regeln angenähert. So wie wir sie begreifen. Im Wortsinn. Unsere Vernunft, unser Erkenntnisvermögen ist geronnene Wahrnehmung, gefrorenes Begreifen. Daher kommen auch unsere Begriffe. Aus dem sinnlichen Begreifen.


          Wie es geschah, dass daraus ein so festgefügter, unerschütterlicher, in sich geschlossener, apodiktischer Überbau an formaler Logik wurde, weiß ich doch auch nicht. Irgendwann schlug der Funke der Abstrakionsfähigkeit Feuer und wir hantelten uns fort von Denknotwendigkeit, Evidenz, Offensichtlichkeit, Schlußfolgerung und Beweis zur nächsten, zum nächsten. Immerfort. Das ist der Fluch des Genusses vom Apfelbaum im Paradies. Seitdem haben wir nicht nur unsere Unschuld, sondern auch unsere selbstverständlichen Gewissheiten vom Sein und Dasein, vom Einssein in Mutter Naturs Plazenta verloren. Wir wurden geboren. Hinausgeworfen in die Welt. Wo wir uns seitdem mehr schlecht als recht zu orientieren versuchen. Und die Frage, ob die Gesetze des Denkens, die wir im Denken nicht überwinden können, auch die der Natur sind, ist bislang unentschieden. So viel ich weiß. Und ist vielleicht unentscheidbar. Weil wir uns nur innerhalb des Denkens bewegen können. Kann es sein, dass die Natur widersprüchlich, paradox gewebt ist? Oder gewoben? Kann es sein, dass wir irren, wenn wir glauben, die Mathematik gelte uneingeschränkt in der Physik? Im Moment sieht es eher so aus, dass die Sätze der Mathematik in die Natur eingeprägt sind. Ja, dass die Mathematik die eigentliche Natur der Physik ist. Dass das ganze Universum mathematisch tickt, vom Kleinsten bis ins Größte, vom Plankschen Wirkungsquantum bis zu kosmischen Dimensionen. Wie gesagt, sieht ganz so aus. Aber eine letzte Gewissheit scheint unerreichbar. Unser Wissen immer asymptotisch, nie komplett.


          Wäre die Mathematik selbst das eigentliche Wesen der Natur und nicht eine Erfindung des Denkens, würde das auch erklären, warum wir mathematische Sätze nur entdecken können und nicht selbst konstruieren, setzen können wie etwa juristische Sätze, Gesetze. Die Gültigkeit aller mathematischen Sätze besteht auch, wenn wir sie nicht kennen. Das Verhältnis von Umfang und Durchmesser des Kreises Pi bestand schon, bevor noch ein Affe begann, auf zwei Beinen zu gehen. Und wird bestehen, solange Raum - oder Raumzeit - so sind, wie sie jetzt sind. Wir können es nicht verändern, so wie wir all die Formeln für Flächen, Volumina, Geschwindigkeit, Beschleunigung etc. nicht nach Belieben ändern können, ohne das ganze Gebäude zum Einsturz zu bringen. Anders als in der Politik, den Medien, dem Glauben, in unseren Gefühlen, sind wir in der Logik an ein Regime gekettet, das wir nicht geschaffen haben, das - offensichtlich - auch ohne uns besteht, weil es in der Welt selbst liegt, ja vielleicht die Essenz der Welt ist. Des Pudels Kern quasi.


          Ja, könnte einer jetzt sagen, das sagt uns aber (bloß) unser Denken. Das Denken, das eben an die Kette der Logik, Widerspruchsfreiheit gelegt ist. Wie können wir vom Denken auf die Welt schließen? Welche Gewißheit bietet unsere Welterkenntnis? Keine. Aber wir haben halt nix Besseres. Die Vermutung, dass unsere Ratio, Vernunft - also unser Erkenntnisvermögen - über die Welt gültige Aussagen machen kann, weil die Welt den Gesetzen der Logik folgt, ja diese selbst das Wesen der Welt ausmachen, ist eine plausible. Eine bessere haben wir nicht. Wäre es umgekehrt, müssten wir fortwährend, andauernd mit dem Kopf gegen die Wand einer unbegreiflichen, unerkennbaren, chaotischen Welt stoßen. Die mit unserem Verstand nicht in Einklang zu bringen wäre. Es gibt Leute, die das glauben, postulieren. Rein akademisch, theoretisch. Sich aber im Alltag dann doch lieber darauf verlassen, dass die Welt den Gesetzen der Logik, der Ratio, des Verstandes folgt..


          Also, ich resümiere. Das Wesen der Welt ist logisch. Das Strickmuster der Welt ist mathematisch. Die Logik kam in unser Denken inkrementell, prozessual, in progressu. Im Laufe der Entwicklung unseres Gehirns. Die Ratio bedarf der Erfahrung, die Erfahrung der Ratio. Erst so wird ein Begreifen daraus. Und unsere Begriffe. Mit Hilfe deren ich jetzt schon viel zu lange versuche, etwas zu erklären, was nicht zu erklären ist. Drum hör ich jetzt auf.


          ***





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          • #50
            Physik und Philosophie. Allgemeine Relativitätstheorie und Kritik der Vernunft. Newton und Kant, Einstein und wer? Nicht schon wieder! Warum arbeite ich mich an solch fruchtloser Spintisiererei ab? Vielleicht weil ich nichts Bessres zu tun hab wie Brotbacken, Autowaschen, Schwammerlsuchen, Bügeln oder Torheiten zu begehen, wie sie alte Säcke wie ich manchmal tun. Um am Ende wie die begossenen Pudel den Schwanz einzuziehen. Was weiß ich. Es lässt mich halt nicht los. Vorrede aus.


            Die Allgemeine Relativitätstheorie (ART). Sie war eine Revolution der Naturerkenntnis. Sowas wie die kopernikanische Wende oder überhaupt eine Supernova in der Naturerforschung. Geboren aus Gedankenexperimenten! Vergleichbares fehlt in der Philosophie. War Kant der Newton der Philosophie, so ist bislang kein Einstein der Philosophie zu verzeichnen. Die Frage ist, ob in der Philosophie überhaupt etwas Ähnliches zu erwarten, ja möglich ist, ob die Philosophie noch Entwicklungspotential hat. So wie Newtons klassische Mechanik die Basis für weitere Naturerkenntnis darstellte, bildete Kant ein Fundament für kritische Philosophenarbeit. Warum baute niemand darauf weiter auf? Eröffnete Newton Tore für seine Nachfolger, scheint seit Kant die Philosophie auf der Stelle zu treten. Er hat die wesentlichen Begriffe geklärt, definiert, abgesteckt, hat das Potential des Verstandes ausgeleuchtet und was nun? Der Vorteil der Physik ist, dass sie die Natur befragen kann und die gibt immer Antwort. Der Philosoph kann nur sich und seinesgleichen befragen und die Antworten sind prinzipiell höchst unzuverlässig, von Meinung durchtränkt, von Gefühlen, Ängsten, Vorurteilen und biografischen Vorlieben/Abneigungen geprägt, dass kaum Gewissheit möglich ist. Die einzige Richtschnur ist die Logik, das einzige Lot bildet der Verstand. Es fehlt in der Philosophie das Pendant zur Natur, ein unbestechliches, objektives Moment ausserhalb unseres Denkens und seiner vielen Fallstricke und Irrtumsmöglichkeiten. Natürlich haben sich auch Physiker schon oft geirrt, falsche Thesen aufgestellt, sich verrannt. Doch fast immer gab es die Möglichkeit, durch ein Experiment, eine Frage an die Natur, seine eigene Theorie zu prüfen fallweise zu verwerfen oder korrigieren. Dieses Korrektiv fehlt in der Philosophie beinahe ganz. Es gibt keine objktive Instanz zur Klärung philosophischer Fragen, keinen Gerichtshof zur Streitbeilegung, der durch Urteile die Dinge ein für allemal klärt.


            Der kritisch an Popper, Gödel und Wittgenstein geschulte Wahrheitsforscher wird entgegnen, dass auch in der Physik keine Gewissheit möglich ist, keine einzige These bewiesen werden könne, ein einziges Experiment das ganze Gebäude zum Einsturz bringen könne. Auch Physik könne keine unumstößlichen Wahrheiten liefern, sofern es sowas wie wissenschaftliche Wahrheit überhaupt geben könne. Der Naturforscher stolpert von Irrtum zu Irrtum. Ja! Und das ist gut so. Der Vorteil gegenüber dem Philosophen: der Naturforscher kann seine Irrtümer benennen, eingrenzen, erkennen und daraus die nötigen Schlüsse ziehen. Der Philosoph kann das nicht, weil er kein Messgerät für das Maß seines Irrtums hat, weil er immer im Viereck seines Verstands gefangen ist, der ihm aber bei Aussagen über die Welt, den Kosmos, die Existenz keine verlässlichen Antworten geben kann. Bislang sind der Physik keine prinzipiellen Grenzen der Erkenntnis gesetzt, von technischen und technologischen mal abgesehen. Die Philosophie hingegen hängt immer am Gängelband der Selbstreferentialität, der Begriffe, die sie selbst definiert. Und die geben keine Auskunft über Welt, Kosmos, Existenz. Ausser Meinungen, Dafürhalten, doch keine belastbaren Ergebnisse.


            Wie könnte, wie müsste so eine Art 'Allgemeine Relativitätstheorie der Erkenntnis' denn aussehen?Also erstmal würde sie wohl nicht 'Relativitätstheorie' heißen. Wohl eher 'philosophische Grundsätze' oder 'erkenntnistheoretische Grenzziehungen'. Der 'Tractatus logico-philosophicus' kommt mir da in den Sinn. Ein Versuch in die Richtung, die Philosophie neu auszurichten. Sein Ziel, Sinn von Unsinn zu trennen. Die Grenzen der Philosophie neu abzustecken. Aber die Revolution brachteauch er nicht. Der Tractatus.Weil auch er nicht aus der Begrifflichkeit des Denkens ausbricht. Was auch immer wir denken, ist in Begriffe gefasst. Begriffe sind die Gefäße für die Milch der Denkungsart. Und es gibt keine Möglichkeit, keine vorgelagerte Rezeptur, die uns angibt, was in einen Begriff hineingehört, was ein Begriff enthalten darf, muß und was nicht. Der Begriff ist eine sprachliche Einheit. Sein Buchstabensatz ist fix. Buch ist Buch, bleibt Buch, bestehen aus B, u, c, h, in unveränderlicher Reihenfolge. Was wir im Denken aber alles mit Buch verbinden, das ist offen, unbestimmt. Und jeder denkt sich ein bissl was anderes hinein. Deshalb beginnen auch manche Philosophen mit Begriffsdefinitionen. Mit Eingrenzungen, Abgrenzungen, Erklärungen, was ein Begriff an Bedeutung enthalten soll und was nicht. Und weil es eben kein allgemeingültiges Gesetz gibt, was ein Begriff an Bedeutung, Sinn enthalten muß, befindet sich die Philosophie oft in einem Kampf mit Begriffen. Und die Philosophen streiten miteinander die meiste Zeit um Begriffe und deren Inhalte und Beziehungen. Was mich zu der Überzeugung gebracht hat, dass alle Philosophiererei Wortgeklingel ist. Du kannst aus einem Begriff nicht mehr herausholen, als du zuvor hineingepackt hast. Also ist der Informationsgewinn philosophischer Überlegungen notwendigerweise immer Null. Die eigentliche philosophische Arbeit steckt in der Begriffsklärung. Wenn ich über Wahrheit spekuliere, dann muß ich mir erstmal überlegen, was Wahrheit denn sein soll. Es gibt viele Definitionen von Wahrheit. Welche ist für mich die richtige, passende? Welche ist für meine Überlegungen adäquat, anwendbar, welche nicht? Und je nachdem, wie ich die Linien, die Grenzen zwischen den Begriffen ziehe, bestimme ich ihre Relationen, Beziehungen, die Kausalitäten zwischen ihnen. Setze ich Wahrheit als rein logische Widerspruchsfreiheit innerhalb einer Gedankenfolge oder als Realität, objektive Übereinstimmung zwischen Welt und Denken, werde ich unterschiedliche Ergebnisse erzielen. Auch die an den Begriff Wahrheit grenzenden Nachbarbegriffe wie Wirklichkeit, Realität, Welt, Denken, Übereinstimmung, Widerspruch etc. verändern ihre Inhalte in Abhängigkeit vom Inhalt des Begriffs Wahrheit. Setze ich Wahrheit als logischen, abstrakten Formalismus, der nur innerhalb eines geschlossenen Regelwerks wie der Mathematik Sinn macht, dann werde ich mit Wirklichkeit oder Realität nichts anfangen. Setze ich Wahrheit im klassischen Sinne als Kongruenz von Denken und (äusserer) Wirklichkeit, dann muß ich mich mit der Außenwelt, der Wirklichkeit herumschlagen. Mit den bekannten Folgen Solipsismus, Realismus, Idealismus etc. etc. Bin ich dadürch klüger geworden? Wohl kaum. Es ist alles Begriffsgeklingel, Wortklauberei. Es gibt keinen Lackmustest für Worte, Begriffe, kein Elementesystem, das die Begriffe in ihre Atome zerlegt. Ich muß alles selbst setzen, definieren, satzen, beurteilen, schließen, ausschließen. Ohne Urmeter der Begrifflichkeit, ohne universal gültige Bedeutungsskala. Das ist das Elend aller Philosophiererei. Ein ewiges Laufen im Hamsterrad, ein endless catch the tail.


            Wenn schon die Philosophie von ihren Voraussetzungen notwendig immer auf der Stelle treten muß, wie ist es mit anderen Disziplinen? Die älteste, die Theologie, hat wenigstens den prinzipiellen Vorteil, dass sie nicht nur auf das Denken beschränkt ist - Vorsicht Ironie -, sondern die Intervention von außen kennt, die göttliche Offenbarung. Das ist schon mal ein großer Vorteil, eröffnet das doch die Möglichkeit einer Art Experiment. Die Befragung Gottes oder jemandes aus seinen himmlischen Heerscharen. Allerdings eine sehr, sehr dubiose Angelegenheit, die noch nie Gewissheit gebracht hat und meistens ohne Antwort bleibt. Die göttlichen Offenbarungen oder Kontaktaufnahmen mit seinem irdischen Ebenbild finden ja fast ausschließlich im Bewusstsein der Auserwählten statt. Also im Denken und Fühlen. Und wenn diese Visionen für die Betroffenen auch noch so überzeugend und lebendig, echt und real wirken mögen, sie entziehen sich einer objektiven Beurteilung. Aber da gibt es ja noch die Wunder, höre ich sagen. Soll es geben, angeblich, vorgeblich - meist aber vergeblich. Was sind Wunder? In den meisten Fällen sind es Berichte aus der Vergangenheit. Unüberprüfbar, oft aus einer bestimmten Absicht geboren und verbreitet. Also nix Verlässliches. Es bleibt - vielleicht, ich hab persönlich noch keins nachprüfen können - ein harter Kern von Wunderberichten aus der Gegenwart, meist Heilungsberichte - mal was Konkretes. Zum Beispiel Lourdes oder Fatima. Wo jährlich zigtausende Gläubige, Heilungssuchende hinpilgern in der Hoffnung, wieder zu genesen. Von diesen sicher Hunderttausenden oder gar Millionen werden am Ende ein halbes Dutzend eine Heilung erfahren oder eine Linderung. Denn nicht selten stellen sich Heilungen von Krebs oder anderen tödlichen Krankheiten als bloß vorübergehend heraus. Oft sterben die Leute ein paar Wochen, Monate oder Jahre nach der Heilung an eben derselben Krankheit. Statistisch kann man diese Heilungen auch als sogenannte Spontanheilungen abheften, die es immer wieder gibt, ohne jeden religiösen Bezug. Ich selbst war Zeuge einer solchen Spontanheilung. Weiß leider nicht, ob die betreffende Person noch lebt. Und was beweisen solche Wunder schon? Lediglich, dass wir uns das jeweilige Ereignis nicht erklären können. Sei es dass wir nicht alle Fakten kennen - etwa physiologische Vorgänge bei Heilungen, sei es dass wir getäuscht werden - auch das soll schon vorgekommen sein, sei es dass wir falsch interpretieren - wer sagt, dass ein Gott oder sonst eine transzendente Kraft dahinter steckt? Also mit der theologischen Methode kommen wir auch nicht weiter.


            Was gibt es noch? Die zahllosen Geisteswissenschaften befassen sich mit Fragen, die Themen wie Welterkenntnis, Naturerkenntnis, Kosmologie usw. nur am Rande streifen. Meist geht es dabei um soziale, kulturelle, politische Belange, also den Menschen und sein gesellschaftliches Wirken und Werken. Mir ist kein substanzieller Beitrag dieser Disziplinen zur Erkenntnis der Welt, der Natur oder von mir selbst bekannt. Bleiben noch die sogenannten MINT-Fächer - also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. I und T kannst du gleich streichen. M und N sollte man sich näher ansehen. Wobei von N im wesentlichen nur Physik, vielleicht noch Chemie und die Kosmologie/Astronomie bleiben. Die Biologie gewinnt in letzter Zeit mehr und mehr an Bedeutung, doch dort, wo es ans Eingemachte geht, verschwimmen die Grenzen zur Physik. Die Erwartungen, die Neurobiologie könne das Phänomen Bewusstsein klären, haben sich bislang nicht erfüllt und ich zweifle, dass das überhaupt möglich sei. Wir können noch so viel über die Vorgänge im Gehirn wissen, noch so viel beobachten und messen, es ist immer ein Blick von außen auf physikalische Vorgänge. Der Sprung zum bewussten Erleben ist unsichtbar, unmessbar.


            Also lande ich wieder bei der Physik und ihrer eineiigen Zwillingsschwester der Mathematik. Und das hatten wir ja schon. Und die Ausgangsfrage, wie eine Revolution in der Philosophie aussehen könnte, bleibt weiter unbeantwortet. Immer wieder Mathematik, immer wieder Physik. Zwei Seiten einer Medaille? Eh beides das Gleiche? Notwendig zusammengehörig oder Projektion des Denkens auf die Natur? Was war zuerst? War was zuerst? Ich fürchte, wir werden's nie erfahren.


            So. Und der große Aufbruch, Neuanfang in der Philosophie? Für mich erledigt. Nachdem ich für mich Philosophie als erkenntnismäßiges Nullsummenspiel, als Begriffsverschubbahnhof, als Wortgeklingel demaskiert habe, sehe ich sie als geistige Selbstbefriedigung neugieriger, aufrecht gehender Affen. Die grad mal Lust am Müßiggang entdeckt haben. Philosophie ist - für mich - eine Art intellektuelles Begriffssudoku, bei dem der Philosoph sich freut, wenn es aufgeht ohne Fehler. Da fällt mir auch der olle Marx ein mit seinem Diktum, die Philosophen hätten die Welt bloß interpretiert. Den zweiten Teil des Zitats laß ich mal weg, der ist nämlich Unsinn, barer Unsinn. Aber im ersten Teil hat Marx mal ausnahmsweise recht. Ich füge hinzu, die Philosophie kann gar nix anderes, als die Welt zu interpretieren. Jeder Philosoph nach seinem Maß und Möglichkeiten. Weil die Welt der Philosophie nicht zugänglich. Punkt.


            Na denn, meine Oma hätte gesagt, aber das verrat ich nicht. Jeder soll seine eigene Oma befragen. Wenn nötig per Tischerlrücken. Oder Medium. Oder Psychotherapie. Alles ungefähr gleich verlässlich wirksam.


            ***

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            • #51
              Gedankeneyperimente gibt es durchaus in der Philosophie. Man denke an Derek Parfits Teleportationsgedanken um die personale Identität in Frage zu stellen. Auch Daniel Dennett versuchte sich an diesem Thema.
              Aber: Wenn ein Philosoph eine These aufstellt, dann kommen dutzende Philosophen und zerreden das Thema.

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              • #52
                Ja, natürlich gibt es Gedankenexperiement in der Philosophie. Die gesamte Philosophie ist ein einziges, riesiges Gedankenexperiment. Es fehlt aber die Befragungsmöglichkeit der Natur. Sobald dieses da ist, sind wir bei der Physik. Die von dir genannten Beispiele erinnern mich an die Frage der Willensfreiheit. Auch sie ist angesiedelt im Grenzbereich von Physik und Philosophie. Das Elend der Willenfreiheit beginnt wieder mal bei der Begriffsdefinition. Es gibt unzählige Definitionen von Willensfreiheit. Was ist ein freier Wille? Was bedeutet Freiheit in Bezug auf eine Willensentscheidung? Totale Freiheit wäre Chaos, also der Wille als Zufallsgenerator. Das stellt man sich wohl kaum als Willenfreiheit vor. Woran aber ist ein freier Wille gebunden? Nach Kant an die Moral. Am Ende bleibt bei Willensfreiheit die Wahlfreiheit übrig: ich habe die Wahl, aus einer Reihe von Möglichkeiten zu wählen. Das ist auch unsere individuelle Erfahrung. Jetzt kommt das Experiment ins Spiel. Es gibt unzählige Forscher, die anhand neurobiologischer Untersuchungen klären, wollen, wie es mit der Freiheit der Entscheidung gehirnchemisch-physikalisch aussschaut. Da gab es vor einiger Zeit die Meldung, dass die Entscheidung schon gefallen sei, bevor sie uns bewusst wäre - also im Unterbewusstsein oder im Gehirn? Dann gab es Stimmen, die das bezweifelten. Das Problem ist ein unlösbares. Weil die physikalischen Messungen am Gehirn nichts über das bewusste Erleben zeigen können. Die Meinung eines Forschers, ein Willensakt sei mit einer bestimmten Messung an einem Gehirn zu einem bestimmten Zeitpunkt (Muster im EEG, MRT, Entladung einer Synapse etc.) zu identifizieren, bleibt unklar, unentscheidbar. Letztlich bleibt nur das bewusste Gefühl des Individuums, jetzt hab ich gewählt. Was davor im Gehirn an Myriaden Schaltvorgängen abgeht, können wir zwar messen, doch nicht begreifen, erkennen, nur interpretieren.

                Fazit für mich, wo die Philosophie an die Natur grenzt, kommen eben die Naturwissenschaften ins Spiel und umgekehrt. So wie die Urknalltheorie nicht die Gottesfrage klären konnte, so kann die Gottestheorie nichts über den physikalischen Ursprung der Welt beitragen.

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                • #53
                  Da war ich dann bei den Begriffen angelangt. Oder gestrandet. Wie Robinson auf seiner verlassenen Insel. Begriffe als Objekte der Sprache, mit deren Hilfe wir die Welt beschreiben. Was wir gerne mit Begreifen verwechseln. Weil Begriffe ja vom Begreifen kommen. Was wir wieder mit Verstehen verwechseln. Ein heillos Durcheinander, was mich veranlasst, mal über Sprache zu räsonnieren. Sprache als Erkenntniswerkzeug, als Vehikel der Logik, des Verstandes, des Verstehens. Oft schon habe ich das hohe Lied der Mathematik gesungen, teils fasziniert, teils staunend ob der vielen unverstandenen, unverständlichen Zeichen, Formeln, Notationen, hinter denen für mich nicht nachvollziehbare Überlegungen und Kalküle stehen, die am Ende ein Ergebnis zeitigen, das sich überprüfen lässt. Und siehe da, immer stimmt. Wenn man die Regeln befolgt hat.


                  Wenn Mathematik auch formalisiert und beinah ohne Sprache auskommt, so sind ihre Grundsätze und ihre Anfänge doch Ergebnis sprachlicher Sätze aus denen Mensch erst mathematische Sätze formt. Die in sich geschlossen, der grammatikalischen Sprache entwachsen, dieser nicht mehr bedürfen. Dennoch, Grundlage aller Wissenschaft ist die Sprache. Ist sie auch Grundlage unseres Denkens, oder umgekehrt? Eine alte Streitfrage, scheinbar ungelöst, unlösbar, doch immer wieder mal aktuell und diskutiert. Im Zeitalter sprachlicher Deformation, Verhunzung und Devastierung fast schon Luxus. Oder dringliche Notwendigkeit. Wie man's nimmt.


                  Es gibt unzählige Sprachen auf dem Globus. Viele schon ausgestorben, viele vor dem Aussterben. Die meisten mit unterschiedlicher Struktur, Grammatik, kaum vergleichbar in Vokabeln, Wortarten, Auffassungen von Zeit, Raum, Kausalität und anderen für uns selbstverständlichen Kategorien. Ein Indianer, ein Eskimo, ein Aboriginee, ein Russe, ein Chinese, ein Deutscher und von mir aus ein Zulu, sie werden ein und denselben Vorgang anders beschreiben. Je nachdem wie sie Zeit, Ort, Abhängigkeiten, Relationen, Verwandtschaftsverhältnisse etc. ausdrücken, welche Begriffe sie dafür haben. Es gibt Sprachen, die keine Zahlwörter kennen, nur Bezeichnungen wie 'einer', 'wenige', 'viele', 'sehr viele'. Es gibt Sprachen, die Verwandtschaftsverhältnisse exakter beschreiben, als das Deutsche, wo es für Oma und Opa egal ist, ob väterlicherseits oder mütterlicherseits. In manchen Sprachen wird unterschieden, ob Opa Vater vom Vater oder Vater der Mutter usw. Die Eskimos haben 3 Dutzend Ausdrücke für Schnee, ein Tuareg wahrscheinlich höchstens einen.


                  Die Welt, die Umwelt, die Lebensumstände, die Tradition, die Kultur prägen die Sprache eines Volkes. Wird damit auch das Denken geformt, bestimmt? Oder ist Sprache Ausdruck der in uns angelegten Denkweise und entstammen die unterschiedlichen Sprachen und Ausdrucksweisen ein und demselben Programm in unserem Gehirn? Unterscheiden sich also etwa so wie verschiedene Programmiersprachen, die in der CPU aber als derselbe Maschinencode exekutiert werden? Weil die CPU - also unser Gehirn - nur diese eine Sprache versteht? Bloß eine andere Form des Henne-Ei-Problems? Die Gelehrten sind sich noch uneins. Es gibt die Fraktion der Universalisten, die das menschliche Denken als globales Allgemeingut des Homo sapiens sehen und die Sprache mehr oder weniger als kulturelle Ausprägung desselben Denkvermögens ansehen. Dann gibt es die andere Fraktion, die Sprache an die erste Stelle setzen und behaupten, wer anders spricht, denkt auch anders. Da fallen meist die Namen Herder und Humboldt als erste Vertreter dieser Schule. Was steckt wirklich dahinter? Beispiele für beide Thesen gibt es zuhauf. Kann doch nicht sein, dass beides zutrifft. In der dualen Logik nicht. In der Dialektik schon. Wenn man Denken und Sprechen als einander beeinflussende Prozesse ansieht, dann löst sich dieser scheinbare Widerspruch in Wohlgefallen auf.


                  Scheint ja auch naheliegend, dass Mensch nicht in dem Moment, als er sich aufrichtete und auf zwei Beinen zu gehen anfing, urplötzlich mit Verstand und Logik gesegnet war und gleichzeitig zu sprechen anhub, als sei der Heilige Geist über ihn gekommen. Einerlei, ob erst Sprache oder Denken da. Viel überzeugender ist da die Vorstellung, dass Denken und Sprechen einander bedingende und beeinflussende Fähigkeiten sind, die sich schrittweise über die Jahrhunderttausende entwickelt und befruchtet haben. Natürlich denke ich immer - fast immer, Emotionen, Ahnungen, Empfindungen mal ausgenommen, denke ich also immer am Gängelband der Sprache entlang. Je logischer und verstandesbetonter, desto enger und strenger. Und diese Sprache hat eine gewisse innere Logik, um die ich nicht herum kann. Mein Denken wird also zu einem großen Teil durch meine Sprache gelenkt und bestimmt. Andererseits hat sich die Sprache wohl nach dem Schaltplan gerichtet, der meinem Denken zugrunde liegt. Beides, Denken und Sprechen und die darunter liegenden Strukturen meines Gehirns haben sich über Millionen Jahre verändert, entwickelt, immer im Austausch mit den natürlichen Bedingungen wie Klima, Nahrungssituation, Umwelt und dem sich ebenfalls entwickelnden und verästelnden kulturellen Überbau. Nichts fiel vom Himmel, weder Bewusstsein, Verstand, noch Sprechen und Sprache.


                  Es wird wohl so gewesen sein, dass Sprache anfänglich aus einfachen Lautäusserungen entstand, wie wir sie bei vielen Wirbeltieren beobachten können. Als Mensch Worte formen lernte, belegte er Dinge und Sachen seines Alltags mit bestimmten gleichbleibenden Lautfolgen. Die Geburt der Begriffe. Sie liegt in den Gegenständen, die wir angreifen konnten: Steine, Werkzeuge, Pflanzen, Tiere, Menschen usw. Ebenso wurden andere Sinneseindrücke mit Sprechelementen belegt: visuelle, akustische, alle übrigen sensorischen Wahrnehmungen wie Temperatur, Geschmack, Geruch, Schmerz, Wohlbefinden usw. Der Wortschatz wuchs, musste geordnet werden, Regeln zur Verbindung einzelner Wörter mussten her. Eine Unterscheidung zwischen Dingen, Tätigkeiten, Zeitfolgen, Raumrelationen, Eigenschaften war nötig. Das, was wir Grammatik nennen, bildete sich allmählich heraus. In den verschiedenen Sprachen sehr unterschiedlich. Nach meiner Auffassung kein Beweis gegen eine gemeinsame Logikausstattung des menschlichen Gehirns über Völker, Stämme, Ethnien hinweg, sondern eine Bestätigung. Denn die Unterschiede in den Grammatiken bilden die abweichenden Lebensumstände, Umweltbdingungen,Anforderungen und sozialen Strukturen ab, die Fähigkeit dazu liegt aber im Bauplan unseres Gehirns. Wobei es mich erstaunt, dass keine zwei Gehirne gleich strukturiert, was ihre Feinstruktur angeht: Ganglien, Synapsen und was weiß ich alles, das ist ein scheinbar unentwirrbares Durcheinander auf der Mikroebene, einmalig bei jedem Individuum, wobei aber die Makrostrukturen wie Großhirn, Kleinhirn, Stammhirn etc. wiederum übereinstimmen. Das ist auch der fundamentale Unterschied zu unseren Computern: da muß jede Leitung, jeder Pin, jede Taktung präzise eingehalten werden, jedes Detail muß genau nach Plan realisiert werden, sonst funzt die Kiste nicht. Das Gehirn, ja der ganze tierische Organismus passt nur in den groben, großen Strukturen mit dem Bauplan DNA überein. Auf der Zellebene und darunter weichen alle voneinander ab. Da herrschen Freiheit, Willkür, Anarchie. Vielleicht ähneln ja die Quantencomputer eher einem Organismus, aber da kenn ich mich nicht aus. Auf der Quantenebene ist ja angeblich alles auch chaotisch, zufällig - und in Summe doch wieder berechenbar, verlässlich, statistisch gezähmt.


                  Wie es allerdings geschah, dass in unsere Laut- und Wörtersammlung sowas wie Ordnung einkehrte, Struktur und am Ende Abstraktion, ist mir schleierhaft. Den Schritt von der seriellen Abfolge von Sinneseindrücken, Worten, Gedanken hin zu Schlussfolgerungen, Erkenntnis von logischen Bedinglichkeiten, kausalen Abhängigkeiten, kann ich mir nicht erklären. Es ist ein Umschlag von Quantität in eine neue Qualität. Oder vielleicht doch ganz anders? Vielleicht doch ein inkrementeller, stufenweiser Vorgang Schritt für Schritt. Wir erkennen ja allmählich auch die Fähigkeit, abstrakt, logisch zu denken bei Tieren. Rabenvögel und Delphine sollen da ja erhebliche Kompetenzen entwickelt haben. Die Logik fiel nicht als fertiges Produkt vom Himmel. Sie ist gewachsen, parallel zu den übrigen kognitiven Fähigkeiten. Und Wiederholung spielte dabei eine erhebliche Rolle, glaub ich. Wenn Urmensch immer wieder die gleichen Phänomene beobachtete, stellte er halt einen Zusammenhang her. Dachte, Vorgang A und B müssten zusammengehören, immer gleich, immer in der Folge B nach A. Die Kausalität war geboren. Ursache-Wirkung erschien als notwendiger Zusammenhang. Manchmal zurecht, manchmal irrte Mensch. So stolperter er von Irrtum zu Irrtum zu mehr Weltverständnis.


                  Und die Sprache? Sie war untrennbar verbunden mit diesem Prozess. Die anfänglich allein Dinge und Wahrnehmungen bezeichnenden Wörter wurden um abstrakte, aus dem Denken abgeleitete Begriffe erweitert. Wieder das Henne-Ei-Problem, das gar keines ist. Weil dieser ganze Entwicklungsprozess von Denken und Sprechen ein dialektischer und kein binärer ist. Da gibt es nicht nur Entweder-Oder oder 0-1, sondern ein kontinuierliches Ja-Nein-sowohl-als-auch. Wie aber muss ich mir den Schritt vom Einzelfall auf die Allgemeinheit vorstellen? Also das, was man Induktion nennt. Also konkret etwa der Schluß, dass Tag mit dem Sonnenaufgang beginnt und dem Sonnenuntergang endet. Tag bedeutet also Sonne am Himmel, Nacht heisst, keine Sonne am Himmel. Urmensch hat das sicher Jahrhunderte oder -tausende oft beobachtet. Irgendwann erkannte er, dass Tag mit Sonne verknüpft und Nacht mit Keine-Sonne. Ausnahmslos. Notwendig. Die Abstraktion war vollzogen. Urmensch freute sich über diese Leistung. Glaub ich. Und versuchte, das Werkzeug Abstraktion, Induktion auf weitere Phänomene anzuwenden. Wolken-Regen, Kälte-Winter, Hitze-Sommer usw.


                  Mensch dachte logisch, ohne sich dessen bewusst zu sein. Der zweite Schritt, die Struktur hinter der Logik zu erkennen und beschreiben, das ist noch gar nicht so lange her. Anfänge gab's bei den alten Griechen, vollendet haben das erst Leute wie Gödel, Wittgenstein, Popper etc. Es spricht also alles dafür, Sprache und Denken als einander bedingende, sich kontinuierlich entwickelnde Kompetenzen anzusehen. Wie läuft das bei mir? Gefühlt denke ich zu mehr als 90% sprachlich, folgen die Gedanken dem Sprechen. Es ist also grammatisch organisiert, das Denken. Der Rest ist bildlich, emotional erfüllt, akustisch, visuell geformt. Im Traum ist das anders. Ich träume nicht entlang der Sprache. Wenn ich zum Beispiel einer Gefahr begegne, sagen wir einem Bösewicht, der mich töten will, dann denke ich im Traum nicht: 'das ist ein Bösewicht, der trachtet dir nach dem Leben', sondern ich weiß in dem Moment, dass es um mein Leben geht, ich spüre das. Im Traum, also meinen Träumen, spielt Sprache nur eine untergeordnete Rolle, obwohl die Figuren in meinen Träumen auch manchmal sprechen, dann aber meist sehr pointiert, oft gegen meine Erwartung, oft komisch oder witzig in der Formulierung. Da hab ich oft wirklich das Gefühl, es seien von mir unabhängig denkende, sprechende, agierende Wesen. Wenn es aber im Traum möglich ist, an der Sprache vorbei zu 'denken', könnte ich das als eine Art Rückfall in frühere Entwicklungsstufen deuten, als unsere Sprache noch nicht artikuliert, formuliert war. Ich denke, das ist jetzt der Zeitpunkt, die Überlegungen zum Denken, Sprechen beim Träumen zu verlassen. Es wird zu spekulativ und beliebig.


                  Also, ich versuch mal ein bissl Ordnung ins Chaos zu bringen.
                  - Am Anfang stehen Sinneseindrücke, Wahrnehmungen
                  - Irgendwann werden Gegenstände, Wahrnehmungen mit Lauten verknüpft, um sie zu benennen
                  - Die Begriffe entstehen, erst nur konkrete, materielle oder sensorische Eindrücke betreffend
                  - Dazu kommen allmählich abstrakte, aus den Eindrücken abgezogene Begriffe
                  - Irgendwann werden Beziehungen, Abhängigkeiten zwischen Begriffen erkannt und benannt
                  - Das abstrakte Denken führt zu einer abstrakten Sprache, schrittweise, dialektisch
                  - Die Struktur der Sprache bestimmt mehr und mehr Richtung und Inhalt des Denkens
                  - Das Denken formt die Sprache, ein Kreislauf gegenseitiger Beeinflussung bis heute
                  - Am Schluß stehen Formalisierung sowohl der Sprache (Grammatik) als auch des Denkens (Logik, Mathematik)


                  So könnte es gewesen sein. Aber sicher bin ich mir nicht. Es bleibt dieser unverstandene, unverständliche Rest meines Selbstverständnisses: mit meinem Bewusstsein kann ich mein Bewusstsein nicht verstehen. Und ein Überbewusstsein hab ich noch keins. Trotz täglicher Meditation. Aber da blieb es bisher beim Vorsatz. Und an LSD und anderes Pulver glaub ich nicht. Dann schon lieber Quantenphysik.



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                  • #54
                    Die Welt scheint verrückt. Klima, Fußball-WM in Katar, Ukraine, Energiewende, Gendern, Wokeness, Diversität, Amazonas, Mikro- und Makroplastik, Dürren, Fluten, Migration und so weiter. Zu jedem dieser Themen gibt es eine mehr oder minder große, kleine Zahl von Menschen, die das gar nicht verrückt finden, sondern sich vehement dafür einsetzen. Oder dagegen. Dazu gibt es Organisationen, die das Gleiche tun, Lobbyisten, Aktivisten, Bewegte, Beweger, Influencer. Und ich frage mich, ob das nicht schon immer so war. Natürlich ohne Internetz, ohne soziale Medien, ohne die vielen Kommunikationskanäle. Die viel beklagte Spaltung der Gesellschaft gab es schon immer. Gut, heute ist sie viel fragmentierter, kleinteiliger diese Spaltung. Früher gab's halt statt 233 gesellschaftlich, politisch aktiver Gruppen bloß 6 Stände, Klassen, noch früher nur 3, am Anfang, ganz am Anfang Stämme, Clans, Völkchen.


                    Vor 50 Jahren, also als ich grad das erste Mal wählen durfte, gab es 3 Parteien, die im Parlament saßen, scheinbar schon immer, also seit der Stunde Null 1945, nachdem wir den Resetknopf gedrückt hatten, also wurden. Dazu gab's die Kirche, das Rote Kreuz ein paar parteinahe Vereine, drei oder vier Interessensvereinigungen, staatlich organisiert, wo Wirtschaft, Arbeiterschaft - ja, die existierte noch, war aber bereits am Schmelzen wie die Gletscher heute -, ihre Interessen bündelten und es bildeten sich die ersten NGOs, wie sie sich heute nennen: Amnesty International, WWF und bald Greenpeace. Die Welt war also noch recht übersichtlich. Das ist heut anders. Nicht prinzipiell, aber quantitativ. Gefühlte tausend Bewegungen, NGOs, pressure groups, IGs, AGs, IVs und Zwitscherer, Einflüsterer, Einfließer und Einpersonen-Ich-AGs fluten ihre Slogans, Bekenntnisse, Manifeste, Liebes- und Haßbotschaften ins Netz, das uns immer mehr umspinnt, umspannt, vollspamt. Je mehr Beweger, desto weniger Bewegte möchte man sagen. Also, je fragmentierter und gespaltener die Gruppen und Grüppchen, desto weniger können sie bewirken. Daher der gefühlte und wohl auch faktische Stillstand auf allen Ebenen. Je mehr getwittert, gepostet und gespamt wird, desto weniger geht weiter. Beim Klima, beim Energiewenden, bei der Nachhaltigkeit. Je mehr Worte, Phrasen, Bekenntnisse und Imperative, desto weniger Bewegung. Wir treten auf der Stelle, das aber laut und spektakulär. Beste Beispiele aktuell: die sogenannte Fußball-WM der Mafifa - besser die Schmiergeld-WM, die viel Wüstensand aufwirbelt, aber wenig Konsequenzen zeitigt wie vielleicht Selbstreinigung der Mafifa, Heimreise der Millionenkicker und Verweigerung für die Mafifa aufs Feld zu laufen, Boykott durch öffentlich-rechtliche Medien etc. etc. Ja, ich weiß, ich bin ein realitätsferner Träumer, ein Idiot. Anderes Beispiel die COP27, die massenmedial hochgepuschte Klimakonferenz, die nichts fürs Klima erreicht, doch maximal für Politikerauftritte, mediale Präsenz, Flugtourismus, Buffetschlachten und NGO-shows gesorgt hat. Die Beispiele lassen sich fortsetzen: Frauenproteste im Iran, Energiewende, Nachhaltigkeit, Gendern usw. usw.


                    Überall viel Gepolter, viel Geschwätz, viel Ankündigung, viel Show und wenig, ganz wenig Handeln, Konsequenz. Von Sinn und Vernunft ganz zu schweigen. Wir kaufen kein Blutgas mehr von Putin, dafür Frackinggas aus USA und von den Scheichs. Die haben ja kein Blut an den Händen. Wir kaufen E-Autos - weil wir es uns wert sind - und fühlen uns grün, nachhaltig, verantwortungsvoll. Wo die seltenen Erze und Mineralien für die Akkus herkommen? Wo der Strom für die Straßenlokomotiven herkommt? Was ein globaler Umstieg auf E-Mobile bedeuten würde? Am wenigsten mehr Nachhaltigkeit und Klimaverträglichkeit. Aber das stört unsere Ökopharisäer nicht. Die palavern und fantasieren lieber von technologischem Fortschritt hin zu Nachhaltigkeit, von Nullemissionen, Kreislaufwirtschaft und Biolandwirtschaft als Universalschlüssel zu umweltverträglichem Wohlstand und globaler Transformation nach unserem Vorbild. Weil wir ja sowas von vorbildlich sind. Aufgeklärt, humanistisch, selbstlos und überhaupt die großen Durchblicker. Solange die Tanks gefüllt, die Batterien geladen, das Bankkonto satt im Haben und das Wasser aus dem Hahn, der Strom aus der Steckdose kommt. Wenn nicht, werden wir ungemütlich, kaufen den Habenichtsen Öl und Gas vor der Nase weg, importieren Feldfrüchte, um unser wohlverdient Steak und heilig Bratwurscht zu füttern und meinen, dass uns das ja auch zustehe. Weil wir eben besser sind, schneller, cleverer und fortschrittlicher.


                    Der Firnis unsrer Empathie, Toleranz und Aufgeklärtheit ist dünn. Sehr dünn. Wehe es nimmt dir jemand das Schnitzel vom Teller und sei es nur symbolisch als Appell an dein Gewissen, dich ein bissl einzuschränken, dann verstehst du keinen Spaß mehr. Da hört sich alles auf. Und drum wird das alles nix mit der Wende, der Rettung, der Transformation. Wir sind schlicht zu dumm und einfach zu träge. Lieber calmieren wir uns mit Sprüchen wie 'Krisen/Klimawandel/Migration gab's schon immer', 'noch nie ging es so vielen Menschen auf der Welt so gut', 'wir haben noch jedes Problem gelöst' usw.


                    Apropos Energiewende, E-Mobilität. Grad ein feature über die serbische Stadt Bor und die dortige Kupferminen gehört. Dort hat der chinesische Bergbauriese Zijin die ganze Gegend gekauft und baut Kupfer und Gold ab. Die umliegenden Dörfer werden schrittweise geschleift, die Bewohner buchstäblich vertrieben. Versprochene Entschädigungen und Umsiedlungen blieben bis jetzt leere Ankündigungen. Die verbliebenen Bewohner der Gegend atmen mit Arsen und Schwefeldioxid verseuchte Luft, Tag und Nacht erschüttern Sprengungen ihre Häuser und reissen sie aus dem Schlaf. Viele Gebäude sind schon eingestürzt, Trümmer haben die Bewohner schwer verletzt oder getötet. Riesige künstliche Becken zur Ausschwemmung der Erze sind hochgiftige Brühen, die entweder im Boden versickern oder in Flüsse eingeleitet werden. Eine korrupte serbische Regierung hat Mensch und Umwelt verkauft, Widerstand gegen die Zerstörung wird mit Gewalt und Willkür gebrochen. Was das mit Energiewende zu tun hat? Eine solche benötigt ein Vielfaches mehr an Kupfer als unsere derzeitige Energiewirtschaft und Verbrennermobilität. Ein E-Auto dreimal soviel Kupfer wie ein Benziner. Photovoltaik, Windkraft und dezentrale Stromerzeugung buddeln, kabeln und vernetzen ein Zig-faches an Kupfer in und durch die Landschaft. Soviel zu grüner Energiewende und E-Mobilität. Und Bor ist kein Einzelfall. Wem noch nicht übel ist, der kann hier weiterlesen: https://www.fr.de/wirtschaft/serbien...-91234459.html


                    Wo war ich? Krisen, Spaltung, Zersplitterung, Verwirrung, Wendezeit, Lähmung, Transformation, die Paradigmen zur Gegenwart sind so divers und widersprüchlich wie die Zeit selbst. Warum kommen mir da alte, uralte und neuere Prophezeihungen in den Sinn? Nicht dass ich sie für wahr oder gar determinierend hielte, also unausweichlich eintreffend, aber amüsant ist es schon, wie sehr viele der Visionen und Gesichte auf unsere Gegenwart zutreffen. Von der Apokalypse des Johannes über Sibylla, Nostradamus bis hin zu Jakob Lorber reden sie von totaler Verirrung und Verwirrung, von Krieg, Weltenbrand - ein Schelm, der nicht ans Klima dächte -, dem Endkampf zwischen Gut und Böse, der Verwüstung der Welt usw. Manche sehen ein happy-end, wenn das Böse endgültig besiegt ist, andere ein open-end oder gar die völlige Vernichtung des Menschengeschlechts. Wie auch immer, ich bin kein Geisterseher, die Zukunft ist offen und wir tragen unser Teil dazu bei, wie sie aussehen wird.


                    Allerdings muß ich kein Prophet sein, um zu erkennen, dass wir in einer Wendezeit leben. Dass die Welt unübersichtlicher, komplexer, labiler und dynamischer denn je ist. Dass gleich ein Dutzend globaler Krisen das Geschehen bestimmt und selbst die Experten und Wissenschafter nichts Genaues nicht sagen können, wie es weitergeht. Zukunftsforscher entwerfen Szenarien, die von einem durch Technik beherrschten und technologisch bestimmten Paradies, also einer Art 'Schönen, neuen Welt' ausgehend bis hin zu einer totalen Dystopie mit der Auslöschung des Menschen und der meisten Arten endend so ziemlich alles dazwischen für möglich oder wahrscheinlich halten. Nona, kann sich jeder raussuchen, was er will.


                    Die alten Gewissheiten sind weg, Himmel und Hölle liegen nicht mehr über den Wolken und unter der Erde, sondern in uns, Gott ist tot, der Teufel nur noch eine Metapher, Religionen zerfasern zu Sekten und Fangemeinden, geschlossene Gesellschaften brechen auseinander, Grenzen zerfließen, Gruppen und Grüppchen bekämpfen einander, jede hat ihre eigene Moral, ihre eigene Agenda, die Summe all dieser Bewegungen, Dynamiken, Kräfte geht gegen Null, sodaß ich den Eindruck hab, wir treten auf der Stelle, das aber gewaltig, laut und schrill. Das einzige, das unerbittlich fortschreitet, ist die Zeit. Dieses unergründliche Monster, dem nichts entkommen kann. In der Zeit und mit der Zeit entsteht und vergeht alles, was ich wahrnehme. Ich selbst eingeschlossen. Vielleicht ist alles ja bloß Illusion, wie uns manche Weise seit alters her verkünden. Oder alles bloß eine Simulation, die technologische Version des Illusionismus. Wer weiß. Ist aber letztlich egal, solange ich aus der Illusion oder Simulation nicht raus komme, ist alles Realität, was mir begegnet. Ob mein Leben ein Traum oder Realität - ist letztlich gleich, unentscheidbar, irrelevant. Solange ich lebe. Punkt.


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                    Wie heißt die größte deutsche Insel?

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