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  • #46
    Mal so‘ne Anekdote am Rande: theoretisch können wir schon bis zum Rande des Universums schauen. Praktisch braucht es dafür aber viel Zeit, nämlich etwa 13,6 Mrd. Jahre 😁 also bis das Licht vom Rande des Universums hier ankommt (diese Theorie geht jetzt fälschlicherweise mal davon aus, dass wir uns im Zentrum des Universums befinden würden). Bis das Licht vom ende des universums hier also ankommt, hat sich das universum schon um weitere 13,6 Mrd. Jahre ausgedehnt und ist zu diesem Zeitpunkt schon lange (13,6 Mrd. Jahre) nicht mehr das Ende des universums, sondern zu diesem Zeitpunkt (relativ betrachtet ^^) nur der halbe Weg zum Ende des Universums. Krank oder das ist ein bißchen wie der Dopplereffekt 😎

    allerdings stimmt es nicht, dass sich nichts schneller als mit lichtgeschwindigkeit „bewegen“ kann. Photonen (also materielose Licht“teilchen“) kommunizieren in Echtzeit miteinander! Wenn also ein Photon am einen Ende des Universums stimuliert wird, erfährt ein Phtotoon am anderen Endes Universums - also in 27,2 LJ Entfernung - die gleiche Stimulation. Ohne Verzögerung. In Echtzeit also. Dagegen ist Lichtgeschwindigkeit nicht mal Schneckentempo 😁

    Ja unser Universum fetzt schon 😏 Aber das sind halt so Lehren, die für das gesellschaftliche Leben eher keine Auswirkungen haben. Sie sind zwar spannend und unterhaltsam, verändern aber unser Leben nicht. Also auch spirituell betrachtet nicht 🤷‍♂️

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    • #47
      Tja, das mit der Größe des Universums ist so eine Sache. Nicht mal Einstein war sich sicher, ob es endlich oder unendlich.

      Übrigens, wie ein Universum, das in der Zeit begann - vor 13,8 Mrd. Jahren angeblich - unendlich groß sein soll, das konnte mir bisher noch niemand erklären. Doch, wenn es stimmt, was alle Messungen bis jetzt ergaben, dass der Raum universal gesehen ungekrümmt, das Univ also 'flach' sei, dann muß es - so sagen die Experten - unendlich sein. Das übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

      Und weiters, der Mittelpunkt des Universums ist überall, weil ja zum Zeitpunkt des Urknalls von einer Singularität ausgehend der Raum sich überall ausdehnte, kein Punkt also bevorzugt war. So kann man immerhin sagen, die Erde befinde sich im Mittelpunkt des Universums - gleichberechtigt mit allen anderen Orten des Universums. Wie das in eiinem 3-dimensionalen Raum gehen soll, übersteigt allerdings mein begrenzten Vorstellungsvermögen.

      Und übrigens, der Beobachtungshorizont des Universums, also das was wir sehen können, betragt angeblich ca. 46 Mrd. LJ. Das U selbst sei aber viel, viel größer, weil ja der Raum selbst sich immer schneller ausdehnt. Was uns heute aus 46 Mrd. LJ an Licht erreicht, war zum Zeitpunkt seines Entstehens grad mal 40 Mill. LJ von 'uns' weg. Sagen sie.

      Und dann gibts noch den Ereignishorizont.

      Wen's intressiert, mehr hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Beobachtbares_Universum

      Alles ziemlich kompliziert. Und ziemlich unsicher. Und was, wenn der Raum positiv oder negativ gekrümmt ist?

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      • #48
        Ich muß mich korrigieren. Der Widerspruch bezüglich Null als Zahl und dass jede Zahl genau Nachfolger einer Zahl sei, Null aber nicht Nachfolger einer Zahl sei, ist keiner. Es heisst nämlich exakt jede Zahl ist Nachfolger höchstens (!) einer Zahl. Das Adverb höchstens beinhaltet auch die Möglichkeit, dass eine Zahl auch Nachfolger keiner Zahl, also nicht Nachfolger einer Zahl sein könne. Das kommt davon, wenn dilettierende Laien sich in Gefilde verirren, die ihr Potential bei weitem übersteigen.

        Weiters muß ich gestehen, dass die Axiome A1-A4 nur für natürliche Zahlen gelten, also positive ganze Zahlen. Damit geht auch mein Einwurf, was denn der Nachfolger von ein Drittel sei, ins Leere. Schimpf und Schande über Stümper wie mich. Mea culpa!

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        • #49
          Das subversive Eigenleben der Dinge. Ja, das gibt es. Davon bin ich überzeugt. A posteriori. Das mag verrückt klingen, unwissenschaftlich sein oder nach bloß subjektivem Modellieren einer Scheinwirklichkeit klingen, doch manch alltägliche Erfahrung legt es nahe. Wer hat sich noch nie gewundert, dass Substanzen und (vor allem kleinere und mehrere) Gegenstände häufig so fallen, dass sie maximale Sauerei anrichten, sich so verbergen, dass sie kaum auffindbar sind, in irgendwelche Löcher, Winkel, Ecken und andere Verstecke kullern, fliegen, rutschen. Lege irgendein Küchenuntensil wie einen Löffel, eine Dose oder eine Zitronenpresse wie zufällig in deine Spülwanne und dann dreh den Wasserhahn auf. Das Ding liegt fast immer so, dass Wasser maximal weit und nach allen Seiten über die Spüle hinaus spritzt. Ähnliches Verhalten habe ich bei Gartenschläuchen sehr oft festgestellt. Dreh ihn auf, ohne sein Ende festzuhalten und der Wasserstrahl trifft mit Sicherheit erst dich und richtet sich dann auf jene Gegenstände/Flächen in deiner Umgebung, wo er das meiste Ungemach anrichtet. Überhaupt Wasser. Wenn Dinge ein Eigenleben führen, dann steht Wasser an erster Stelle. Es dringt überall ein, fließt dorthin, wo der Schaden am größten ist, sammelt sich da, wo es nicht gebraucht wird, fehlt dort, wo es dringend benötigt würde. Und ist die für das Leben auf diesem Planeten bei weitem wichtigste chemische Verbindung. Ein Universalmedium mit unerschöpflich vielen Eigenschaften.

          Zurück zu den Dingen und ihrer scheinbaren Widerborstigkeit. Nur scheinbar, oder doch anscheinend? Müsste endlich mal wissenschaftlich untersucht werden. Die Statistik wird kein von den Naturgesetzen abweichendes Verhalten ausweisen. Da bin ich mir sicher. Ich aber, das Opfer der Dinge, bin ein Einzelfall. Und in einem solchen der Sprunghaftigkeit der Dinge ausgesetzt. Es ist wie mit dem Würfeln. Brauchst du einen Sechser, kommt er nicht. Oder erst nach unwahrscheinlich (!) vielen Versuchen. Da hast du das Spiel längst verloren. Derselbe Würfel wird in langen Versuchsreihen jedoch genau das Verhalten zeigen, das wir erwarten: jede Zahl erscheint genau gleich oft. Und so ist es mit dem Wasserschlauch, dem Schlüssel, den du suchst, der Münze, die zu Boden fällt, dem Gegenverkehr immer an Engstellen. Bei vielen Wiederholungen werden sie sich brav an die Statistik halten. Im Einzelfall, der dich betrifft, lieben sie es, das unwahrscheinlichste Verhalten zu zeigen.

          Apropos Verkehr. Er gleicht dem Wasser. Auch er fließt, staut, transportiert wichtige Stoffe, wird reguliert, tritt oft lawinenartig auf mit verheerenden Folgen, folgt Straßen und neigt zu Ausbrüchen. Jeder, der sich dem Verkehr aussetzt, daran aktiv oder passiv teilnimmt, kennt das. Der Jogger begegnet dir an der engsten Stelle der einspurigen Straße, genauso wie der überbreite Sattelschlepper, die Radfahrgruppe oder das Schlagloch. Jetzt kann man sagen, ein Jogger ist ja kein Ding. Je nachdem. Wir betrachten hier ja bloß die Wahrscheinlichkeit. Und ein Jogger und ich im Auto, wir sind voneinander unabhängig sich bewegende Gegenstände. Ich weiß nicht, dass da auf derselben Straße ein Jogger unterwegs ist und umgekehrt. Insofern ist es bedeutungslos, was wir denken und tun, solange es nicht Bezug aufeinander nimmt. Was auffällt, ist allein die Tatsache, dass wir einander just an der engsten Stelle begegnen. Aus meiner Sicht ist der Jogger ein von mir unabhängig sich bewegender Gegenstand wie ein herabfallender Hammer, ein Blitzschlag oder eine den Hang hinunterdonnernde Lawine.

          Die häufigste Erfahrung mit auffälligen, der Erwartung widersprechenden Vorgängen habe ich im Hantieren mit Werkzeugen und handwerksüblichen Materialien gemacht. Besonders kleine Schrauben, Nägel, Muttern und Ähnliches weisen ein oft erstaunliches Eigenleben auf. Du versuchst ein kurzes, dünnes Schräubchen am Innengewinde anzusetzen, deine Finger sind zu grob, du nimmst einen Schraubenzieher - ja, ich weiß, eigentlich heisst er -dreher - zu Hilfe, die Schraube entgleitet dir, fällt runter, ist weg. Du steigst von der Leiter, suchst den Boden ab, keine Schraube da. Du kniest nieder, guckst unter das Bett, den Schrank, die Kommode - nichts. Du suchst eine Taschenlampe, um besser sehen zu können. Da, wo du sie vermutest, ist sie nicht. Wann hast du sie zuletzt in der Hand gehabt? Wohin gelegt? Keine Ahnung. Du stöberst durch Schubladen, Küchenkastln, durchsuchst Regale - nichts. Entnervt greifst du zur Schreibtischlampe. Das Kabel ist zu kurz, die nächste Steckdose zu weit weg. Zum Glück weisst du, wo eine Verlängerung wartet. Eingesteckt und unter die Möbel geschaut. Nichts. Scheiss Schräubchen. Warum nimmst du nicht eine andere, hast doch ausreichend Vorrat. Warum nicht gleich? Ersatz genommen, noch eine zwischen die Lippen geklemmt, die Leiter bestiegen. Die Finger inzwischen feucht und zittrig, fällt Schraube Nr. 2 natürlich auch zu Boden. Die Dritte aus dem Mund genommen, vorsichtig angesetzt, Schraubendreher angesetzt. Der liegt natürlich unten am Wohnzimmertisch. Abstieg. Wiederaufstieg. Wo ist jetzt die Schraube? Weg. Runter. Du nimmst zwei weitere Schräubchen aus dem Behälter, eine zwischen die Lippen. Auf die Leiter. Das Ding angesetzt, gedreht, Gewinde greift nicht. Du drehst links, rechts, im Uhrzeigersinn, dagegen, das widerspenstige Ding will nicht Gang fassen. Da fällt dir der Schraubendreher aus der Hand. Doch nicht, wie es die Physik vermuten ließe, mit dem schwereren Hinterteil, also dem Griff, sondern mit der Spitze voran in den neuen Parkettboden. Da zeigt sich bei genauem Hinsehen eine kleine Kerbe. In dem Moment betritt deine Ehe-, Lebensabschnitts- oder sonstwie -partnerin den Raum. Du beschwichtigst hörbar gereizt. Es entspinnt sich ein Disput. Der führt auch nicht dazu, dass du dein Werk endlich zu Ende bringst. Im Gegenteil. Nächster Versuch. Zwei dunkle Flecke haben sich auf dem T-shirt unter deinen Achseln ausgebreitet. Es rinnt was den Rücken runter. Dir ist heiß. Du nimmst alle Konzentration zusammen, gibst Acht so gut es geht. Die neunte Schraube dreht sich in das Gewinde. Erleichterung. Du ziehst sie fest. Endlich. Es ist vollbracht. Du steigst ab. Da trifft dich der Schlag. Alles falsch. Falsches Loch, falsch gebohrt, falsch angezeichnet, falsch gemessen. Dazu noch vergessen, das, was du eigentlich an der Decke befestigen wolltest, anzubringen.

          Nun mag man einwenden, der Typ ist einfach blöd, ungeschickt, tappsig und konfus. Was könnten die Dinge dafür? Ja gut, doch begonnen hat das Mißgeschick schon damit, dass ihm beim Ausmessen des exakten Abstands der Zollstock - warum sagen wir nicht Zentimeterstock? - entglitt und die Orchidee mitriß, der Topf beim Aufprall brach und sich ein Liter nasse Erde über den neuen Parkett ergoß. Die folgende Beziehungskrise übergehe ich mal. Doch als Folge davon hat er das falsche Maß genommen, 45,7 statt 47,5 cm von der Wand entfernt, gebohrt, Beton, prompt die Stahlarmierung erwischt. Runter, Bohrer getauscht, rauf, das Stahlhindernis ausgebohrt, dabei 3 Bohrer verbraucht. Ein Glück, dass genau 3 vorrätig waren. Kein Glück, Vor-Sicht, Umsicht. Bist ja schließlich kein Anfänger. Endlich Dübel rein, der Rest ist bekannt.

          Solche und ähnliche Erfahrung hat jeder schon gemacht. Muß ja nicht beim Heimwerkeln sein. Es reichen ganz alltägliche, tausendmal wiederkehrende, wiederholte einfachste Verrichtungen, Handgriffe. Schlüssel suchen, Schuhe binden, Hände waschen, Gemüse waschen, putzen, schneiden. Überhaupt Kochen! Mehr sag ich nicht. Die Küche ist der Kriegsschauplatz Nummer eins beim Kampf mit den Dingen. Da hat jeder seine eigene Vergangenheit. Meine Favoriten sind: etwas aus dem Kühlschrank holen, wobei alles andere rauskullert und zu Boden fällt, das, was du entnehmen wolltest aber gar nicht drin war. Spüle, Wasser aufdrehen, die halbe Küche wird vollgespritzt, weil ein Löffel so liegt, dass ... Oder Salz, Zucker, Kaffee etc. aus der Verpackung in ein dafür benutztes Gefäß, Glas, Dose, Flasche füllen.

          Ok, jetzt kann man sagen, das sei einfach Ungeschick des Schussels, der sich dann auf die Dinge und ihr Eigenleben ausredet. Vielleicht manchmal. Vielleicht gelegentlich. Aber nicht immer. Nicht jedesmal. Also eher selten. Ganz selten. Ich bleibe dabei, die Dinge führen ihr eigenes, subversives, geheimnisvolles Leben. Und wenn du nicht lieb zu ihnen bist, wissen sie sich zu wehren. Drum sei nett zu ihnen. Sie werden es dir danken.

          PS: Und ja, ich weiß natürlich, dass das alles Unsinn ist, die Dinge kein subversives Eigenleben führen und mein Verdacht, mein Mißtrauen bloß meiner verdrängten Paranoia geschuldet, der Feigheit, sich Ungeschick und Unfähigkeit einzugestehen.

          ***

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          • #50
            Da gibt es ja diese schönen Gesetze, Axiome oder wie auch immer, die, von und für Profis formuliert, auch für die semiprofessionellen Handwürger und natürlich auch die Gelegenheits-Stümper gelten. Beispielsweise das Gesetz der selektiven Schwerkraft: Ein Werkzeug fällt stets so, dass es den maximalen Schaden anrichtet. Oder das Gesetz der selektiven Ausfallrate: Es fällt stets das Bauteil aus, das am schwersten zugänglich ist.
            Gilt auch für den sozialen Aspekt des Arbeitslebens: Jemand wird so lange befördert, bis er den Stand maximaler Inkompetenz erreicht hat.

            Das bringt mich auf die Frage, ob solche Regelhaftigkeiten auch in der Welt des Schreibens anzutreffen sind. Etwa: Ein Text wird so lange verfeinert, bis er komplett unverständlich geworden ist. Oder: Eine Metapher wird stets so gewählt, dass sie die größtmögliche Verwirrung anrichtet. Recht bekannt ist ja auch das Gesetz der Ernsthaftigkeit und des Pathos': Je ernsthafter die Anstrengung, diese zu erreichen, desto lächerlicher wird es.

            Ein guter Punkt, aus diesem Text auszusteigen.
            Ach so, da wollte ich ja auch noch mit meinem primitiven Laienverständnis noch was zur Null sagen: Früher habe ich immer gedacht, wieso darf man eigentlich nicht durch Null teilen? Kommt halt einfach mal Unendlich raus. Das liegt aber daran, dass man uns das Teilen ganz falsch, als Aufschnippeln einer Torte oder so, beigebracht hat. Ist natürlich gänzlich falsch, du kannst schnippeln so viel du willst und es ist immer noch nicht geteilt. (Ganz abgesehen davon, dass bei diesem Beispiel auch schon mal die Bruchzahlen als Divisor ausfallen.) Teilen ist, genauso wie Multiplizieren wiederholtes Addieren ist, ein wiederholtes Subtrahieren. Aber wie oft sollst du Null von irgendwas abziehen können, damit eine bestimmte andere Zahl herauskommt? Da kommt eben nix bei raus.

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            • #51
              Jo, der gute alte Murphy. Ich sollte einmal eine Sammlung erlebter subversiv-eigenwilliger Resistance der Dinge anlegen. Mal sehen, was da so zusammenkommt.

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              • #52
                Schach. Das königliche Spiel. Mit Dame als mächtigster Figur. Ach Schach! Uralt, urkonservativ, uraufregend. Seit die Computer stärker spielen als jeder Mensch es je vermöchte, hat es viel an Faszination verloren. Für die Ignoranten. Weil jeder Depp weiß, dass die Maschine stärker spielt als der beste Weltmeister aller Klassen und Zeiten. Na gut, ich hab auch kein Intresse, mich mit einem Rechner zu messen in einer Disziplin, wo er mir mega-giga-terafach überlegen ist: bei Geschwindigkeit, logischen Operationen pro Zeit, Positionsvergleiche pro Nanosekunde. Dazu zig-tausende Partien abrufbar in Millisekunden. Doch das Match Mensch gegen Mensch, das bleibt faszinierend. Für mich wenigstens. Andere mögen Skat kloppen oder Golf rasen, mir sind die 64 Felder eine Arena.

                Deshalb gehe ich auch einmal die Woche am Abend zum Schach. Ein Treffpunkt einiger alter Herren, die meisten noch älter als ich, die meisten, ja fast alle, stärker als ich. Im Schach. Würde ich hingehen, um zu gewinnen, wär ich seit 6 Jahren nicht mehr dabei. So lange geh ich dorthin. So lange werde ich schachmäßig abgewatscht, gedemütigt, vernichtet. Aber das ist mir wurscht. Gegen Bessere zu verlieren, ist keine Schand. Und nur von Bessren kann ich profitieren. Wenn auch nur mäßig, allzu mäßig, also eigentlich gar nicht. Mein Lernvermögen ist das eines Laternenmasts. Schach besteht zu einem Großteil aus Gedächtnis. Aus Wiedererkennen von Positionen, dem Parathaben von Zugfolgen, Kombinationen und gewissen Mustern. Da mein Gedächtnis etwa so dicht ist wie ein Kanalgitter, bleibt da nichts mehr hängen. Also spiel ich immer den gleichen Stiefel, die vereinzelten Erfolge beruhen auf Fehlern der Gegner oder ganz, ganz seltenen Geistesblitzen.

                Schach also. Das Schöne an dem Spiel ist, dass es nie langweilig wird. Dass du selber es in der Hand bzw. im Kopf hast, zu gewinnen, dass da kein Zufall und Glück im Spiel ist - ausser deiner Konzentrationsfehler, und dass die Zahl der Möglichkeiten schier unendlich ist. So genau weiß das offensichtlich niemand, was erstaunlich ist, da es doch eine endliche Anzahl von Figuren und Feldern gibt. Lässt man die 50-Zug-Regel mal weg, so deucht einen, es seien unendlich lange Partien möglich. Allerdings ist zu befürchten, dass sich eine ewige Endlosschleife gleicher Züge ergeben wird, wenn nur noch wenige Figuren auf dem Feld stehen. Also intuitiv würde ich mal behaupten, es gibt zwar eine riesengroße Zahl möglicher Positionen auf dem Brett, doch immerhin eine endliche. Denn in jeder Stellung gibt es nur eine endliche Anzahl möglicher und erlaubter Züge. In jeder dieser möglichen Folgestellungen gibt es ebenfalls nur eine endlich Anzahl erlaubter Züge usw. usw. Es handelt sich also um einen Baum mit sehr, sehr vielen Verästelungen, aber immerhin abzählbar vielen. Ob die Äste in den Himmel wachsen, sprich uendlich lang werden können, interessiert eigentlich nicht. Denn irgendwann in ferner, ferner Spielzukunft, werden nurmehr ganz wenige Figuren übrig sein und sich die Züge wiederholen oder sich im Remis erschöpfen. Die Anzahl möglicher Züge/Stellungen geht von 10 hoch 120 bis 10 hoch 1500 und mehr. Wie gesagt, das hängt von den Randbedingungen ab (Limit von Zugwiederholungen, Anzahl Züge ohne Figurverlust etc.). Für das praktische Spiel ergibt sich jedenfalls eine solche Unzahl an Möglichkeiten, Zugfolgen und Stellungen, die man getrost als für das menschliche Gehirn 'unendlich' erscheinend bezeichnen kann.

                Wie gesagt, die Berechnung der möglichen Züge/Stellungen ist nicht trivial, eine genaue Zahl gibt es nicht, die Schätzungen liegen weit auseinander. Doch dürfte die Zahl die Anzahl der Atome im Universum erreichen oder überschreiten. Die Menschheit hat jedenfalls nicht genug Zeit, alle möglichen Partien durchzuspielen, vorher würde das Universum entweder kollabieren, auseinanderreissen oder den Kältetod sterben (big crunch, big rip, big freeze).

                Aber es geht beim Schach ja nicht um solche quantitativen Überlegungen. Das Schach, das mich fasziniert, ist das Schach des Kampfes, der originellen Idee, des kreativen Plans. Nicht weil ich das selber könnte, sondern weil es tolle Partien gibt voller Überraschungen, Finten und des längeren Atems. Die großen alten Meister haben viele solcher Partien geliefert, Namen wie Steinitz, Lasker, Capablanca, Aljechin und andere leuchten als Fixsterne am Schachhimmel. Aber auch heute gibt es trotz aller Computerunterstützung mit ihren nüchternen Zugfolgen, der Dominanz des Positionsschachs immer noch mitreissende Matches. Die grad zu Ende gegangene Schach-WM hat sehr lebhafte und unvorhersebare Partien aufs Brett gebracht. Manche Schachpartien kann man durchaus als schön bezeichnen, wobei die Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Die Mehrzahl der Leute wird Schach nicht mit Kategorien wie Schönheit, Eleganz oder Ästhetik in Verbindung bringen. Dazu bedarf es ein wenig Liebe und Verständnis für das Spiel mit dem König.

                Na ja, Schach ist ungefähr so wichtig oder unwichtig wie Go, Bridge, Fußball und Jodeln. Allerdings gibt es einige Parallelen zwischen dem Rasenballsport und dem Brettspiel Schach. Hat man am grünen Spielfeld je 11 Spieler, sind es beim Schach je 16 Figuren. Hier geht es darum, den König matt zu setzen (also zu schlagen, doch dazu kommt es nicht), geht es dort darum eine runde Kugel im gegnerischen Tor zu versenken, wobei man im Torwart eine Art König sehen kann, der 'geschlagen' werden muß, um ein Tor zu erzielen. Das sind jetzt nur Äusserlichkeiten. Das eigentlich Ähnliche beider Spiele liegt in der Strategie, dem Spielaufbau, der Kombination. Bei beiden gilt es, die Stärken der verschiedenen Figuren/Spieler optimal zu nutzen, sie bestmöglich zu positionieren und kombinieren und die Verteidigung des Gegners zu knacken. Fb ist ein Mannschaftssport, Schach im übertragenen Sinne auch. Die Stärken (Zugweisen) der Figuren müssen nicht nur aufs Brett gebracht werden, sie müssen einander auch ergänzen. Das ist beim Fb nicht anders. Der größte Unterschied zwischen beiden Disziplinen ist wohl, dass auf dem Rasen 22 Hirne mitspielen, auf den schwarzweissen 64 Feldern nur 2. Damit will ich's bei den Vergleichen bewenden lassen. Außer vielleicht, dass ich Schach ungleich interessanter finde als das zur Millionärskickermafia degenerierte Herumgehoppel wandelnder Litfaßsäulen. Aber auch der Weltschachclub steht der FIFA bezüglich Korrumpierbarkeit nichts nach. Deshalb konzentrieren sich die wahren Kenner beider Spiele auch auf die nichtprofessionelle Arbeit der unteren Ligen und Vereinstätigkeit.

                Beiden Spielen ist gemeinsam, dass das Potential an Spielzügen unerschöpflich ist, ein Limit nach oben nicht in Sicht. Es gibt keine beste Mannschaft, es gibt kein optimales Spiel. Die Suche nach dem stärksten Zug bleibt ein Tasten, ein eindeutiges Ergebnis gibt es nicht. So gibt's auch im Fußball nicht den einen besten Paß, die eine beste Kombination. In wenigen Situationen schon. Wenn du allein vorm Tor stehst und der Goalie schon geschlagen, dann wirst du nicht zurück spielen, um einem anderen Spieler die Gelegenheit zum Torschuß zu geben. So auch im Schach. Wenn ich gefahrlos die gegnerische Dame schlagen kann und sonst weit und breit kein Matt in Sicht, dann werde ich schlagen. Doch in 99,9% der übrigen Fälle gibt es diese Eindeutigkeit nicht. Dann ist es Strategie- und Taktikfrage, wie ich weiter spiele.

                Ach, bevor ich's vergeß. Einen gravierenden Unterschied, vielleicht den größten überhaupt, gibt es natürlich zwischen Schach und Rasenballsport. Und das ist die Geschwindigkeit. Nicht des Denkens, sondern des Laufens, der Zugfolge. Der Ball ist immer in Bewegung - ausser bei Spielunterbrechung, vor Freistößen etc. - das Spiel läuft non-stop. Anders beim Schach. Da passiert oft minutenlang nichts auf dem Brett. Da tickt bloß die Uhr. Wobei ich fairerweise sagen muß, dass Schach halt mehr Denkarbeit erfordert. Beim Fb dominiert oft der Instinkt, der Reflex, die Intuition. Ist auch gut so. Diese Eigenschaften führen beim Schach ausnahmslos in die Niederlage. Wenn man sie zulässt. Deshalb wirkt Schach für Aussenstehende auch so fad. Das Spiel lebt halt von seinen inneren Werten.

                Schach und Fußball verhält sich ähnlich wie Mathematik und Politik. Oder Meditation und Gymnastik. Oder Philosophie und Physik. Genug. Für beide gilt, keine Niederlage ist endgültig, jedes Spiel eine neue Chance. Fast wie im wirklichen Leben.


                ***






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                • #53
                  Schach: es gibt 20 verschiedene erste Züge, 72084 verschiedene Zweite, beim dritten Zug bereits 9 Millionen und beim vierten rund 318 Milliarden.

                  Zitat von „Person of Interest“
                  Es gibt mehr mögliche Schachpartien als Atome im Universum. Der erste Schritt ist so schwierig, weil es eine unendliche Anzahl an möglichen Zügen und Fehlern zu machen gibt. Das bedeutet aber auch dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, einen Fehler zu korrigieren.

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                  • #54
                    Dem Zitierten stimme ich nicht zu. Es gibt zwar unendliche Möglichkeiten Fehler zu machen, aber nur begrenzte Möglichkeiten einen Fehler zu korrigieren. Manchmal liegt die Zahl der Möglichkeiten bei genau Null. Da ist Schach wie das wirkliche Leben.

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                    • #55
                      Dann hast du aber idR schon mehr als einen Fehler gemacht 😏 darum spielen so wenige frauen schach: die haben die angewohnheit, jeden fehler mit einem noch größeren zu vertuschen 🤷‍♂️😅

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                      • #56
                        Da gibt es doch den schönen Spruch: Der vorletzte Fehler gewinnt. Aber das ist ja nicht nur beim Schach so.

                        Ich glaube nicht, dass meine Schachkenntnisse über den Anfängerlevel merklich hinausragen, aber die Freude an strategischen Überlegungen, am Fallenstellen, am Schmieden eigener und Erkennen gegnerischer Pläne und letztlich an einer spannenden, gemeinsam mit dem Partner erarbeiteten Partie kann man auch schon auf niedrigerem Level erleben. Was mich bei Manchen störte ist diese Art von Schach-Überheblichkeit, als wären zufällige gute Schachkenntnisse ein Kennzeichen intellektueller Gesamtüberlegenheit.

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                        • #57
                          Zitat von Peter Sense Beitrag anzeigen
                          Was mich bei Manchen störte ist diese Art von Schach-Überheblichkeit, als wären zufällige gute Schachkenntnisse ein Kennzeichen intellektueller Gesamtüberlegenheit.
                          Ja, die gibt es. Aber das sind meistens so die Halbguten, wie überhaupt das Halbwissen überall zur Überheblichkeit verleitet. Wer dann wirklich gut ist, wird wieder bescheiden oder normal. Meistens. Die gefährlichsten Schachidioten sind die um die +/- 2000 ELO-Punkte herum. Ich liege noch weit unter dieser Zone, so bei 1500 - Amateurstümper nennt sich das Level. 😁

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