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  • Früher

    Früher schrieb ich Herbstgedichte
    noch früher kletterte ich auf Bäume
    las Kastanien vom Boden auf
    bohrte Löcher in die Luft
    mit meinem Staunen

    Früher war alles neu
    die Kälte und der Schnee
    ein Wort aus Kieseln
    das durch die Gasse rollte
    und an der Mauer brach

    Früher ging die Sonne früher auf
    da war der Mond ein Schelm
    der sein Gesicht verbarg
    und Träume waren echt
    wie Spielfiguren

    Früher gab es Jahreszeiten
    und Kinder auf den Schlitten
    da zogen müde Pferde schwere Fuhren
    und Peitschen knallten
    auf ihre nassen Rücken

    Früher war das Besser gut
    und schlecht nur faule Äpfel
    Im Ofen hauchte über Nacht
    die Glut ihr Leben aus
    und ich fiel aus der Welt

    Früher war kein heute
    nur volles jetzt
    die Trauben hingen tief
    und meine Wünsche hoch
    bis sie zu Boden fielen

    Früher ist bloß dürres Laub
    ein Sehnen, das vergeblich sucht
    zu finden, was nie war
    jetzt scheint die Sonne
    mir frech ins Gramgesicht

    Früher gingen Uhren nach
    und alle Leute waren alt
    doch Zeit war nur ein Wort
    wie Arbeit oder Geld
    und früher gab es nicht​​

  • #2
    Eine im doppelten Sinne reife Leistung, Eulenspiegel. Spricht mich sehr an, dein Gedicht.

    a.d.

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    • #3
      Mir gefällt es auch - bis auf den Schluß. Ein Früher gab es immer, auch für den, der kein Früher kennt. Wir sind so alt, Till, daß wir uns noch an Zeiten erinnern können, die nach Krieg rochen. Ich sehe noch die Männer mit den Eisbarren auf ihren Schultern, die Bauern brachten ihre MIlch in die Stadt und ich mußte täglich zwei Liter für meinen Bruder und mich holen - in einer Blechkanne. Wer hatte schon einen Kühlschrank! Früher ist für mich die Zeit der kleinen Läden. In dem einen gab es Brot und Brötchen, Kuchen. Im anderen eine Lakritzstange für 8 Pfennige, im dritten Eis für 5 Pfennige die Kugel. Früher ist die Zeit der Rollschuhe und des Klavierunterrichts, die Zeit, in der ich Stunden brauchte, um von der Schule/Kindergarten nach Hause zu kommen. Die Bäume waren riesig und die Mauern da, um erklommen zu werden, Ungetüme aus bröckligem Stein und Mörtel. Früher rochen die Dinge anders. Die Autos stanken und Pferdewagen brachten meinem Papa und meiner Oma das Bier, die Straßenbahn quietschte, wenn sie um die Ecke bog und der Straßenbahnfahrer mußte rausspringen, um die Weiche zun stellen. Früher gab es viel weniger Ampeln. Ich ging durch jede Tür, an den verschlossenen zerrte ich, bis sie entweder aufsprang oder ich eben nicht hereinkam. Früher, das ist die Zeit der Hausierer und der Kriegsflüchtlinge (aus Schlesien), die zwei Eckräume in unserer Wohnung bewohnten und abends von ihrer Messe kamen - und auch merkwürdig rochen, ein Gemisch aus Moder, Schweiß und Armut möchte ich es nennen. Früher, das ist die Zeit, in der ich bei den Nachbarn klingelte und dann stundenlang bei ihnen herumsaß, ihre Geschichten hörte, ihre Dunkelheit wahrnahm und ihre Freundlichkeit genoß. Wenn es gewitterte, war die Straße überflutet und im Sommer war es so heiß, daß der Asphalt in unserer Straße schmolz und meine Sandale darin steckenblieb. Und dann die Nonnen, die Geld sammelten. So freundlich, so herzensgut, arme Menschen. Nicht selten steckte ich meine 50 Pfennige Taschengeld in ihre Schlitze. Na ja, das war itzt doppeldeutig. Ich hör ja schon auf.

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      • #4
        Danke euch fürs Lesen und Antworten! Ist ja immer auch eine kleine Mutprobe, was Lürisches ins Forum zu stellen ...

        Deine Assoziationen, Robert, kann ich gut nachempfinden ... Ja, früher roch alles anders, intensiver, erinnere noch den Geruch unseres ersten Autos .... das Plastik, Kunstleder, Bakelit verströmten eine unvergessliche Melange an Duft/Mief

        Wenn ich heute eine Münze in einen Schlitz stecke, ist es meist ein Einkaufswagen ... 😏

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        • #5
          Auch ich hatte einst noch mit der Blechkanne beim Bauern Milch holen müssen - müssen, weil es die Mutter befahl und ich mich vor der frischen Milch ekelte. Zu meiner Zeit gab es ja schon längst die Alternative aus dem Supermarkt, aber frisch "gezapfte" Milch vom Bauernhof galt damals noch als gesund - heute weiß man, dass das so nicht unbedingt stimmt. Die Milch wurde direkt im Stall in die Kanne gefüllt. Mich ekelte der Uringeruch und die vielen Mücken, die da versuchten was abzubekommen. Und ja, alle Leute waren alt. Zu jener Zeit war man mit 40 schon alt und mit 50 haftete an einem bereits der Friedhofsgeruch. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr es meinen Vater störte...dass sich eigentlich noch recht junge Menschen wie Alte kleideten und bewegten...nur weil sie glaubten sie seien alt.

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          • #6
            Ich habe in meiner Kindheit keine "trau keinem über 30"-Phobie entwickelt. Im Gegenteil: meine wichtigsten Bezugspersonen waren meine Oma und meine Ur-Oma. Vier Generationen lebten in unserer Wohnung zusammen. Wir hatten genug Platz, es war so eine Großbürgerwohnung aus dem Jahre 1912, in die meine Großmutter 1935 hochschwanger mit ihrem Mann gezogen war. Jeder hatte wenigstens ein Zimmer für sich, nur mein Bruder und ich lebten in einem Zimmer zusammen. Großväter hatte ich nicht. Mein Vater war ein Bohemian, der im größten Zimmer lebte, nicht mit meiner Mutter zusammen. Seine Bedeutung erkannte ich erst später. An meine Mutter habe ich kaum Erinnerungen, jedenfalls nicht aus der Kindheit. Sie wurde bedeutsamer für die Spätpubertät. Aber da treten auch viele andere Menschen auf. In der Kindheit wird das Alter nicht so wahrgenommen. Ich unterschied auch nicht in gute und böse Menschen. Das mache ich auch heute nicht. Merkwürdig ist das, wenn ich so drüber nachdenke.

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            Wie heißt die größte deutsche Insel?

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