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Weimarer Klassik (II)

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  • Weimarer Klassik (II)

    Link zum Bezugsthema im alten Forum.

    Zwei Gedanken zur wahren Liebe, wie sie die Romantiker ausprägten:

    Mich könnte es sehrlichst wundern, daß die Romantiker sich einerseits um die ewige Liebe und das Einmalige des passenden Partners bekümmert haben (man denke an ihre Affinität zur Kugelmenschen-Theorie Platons), um dann doch in schöner Regelmäßigkeit die Partner zu wechseln. Karoline wechselte mehrfach den Namen (und die Partner), Novalis brachte es fertig, nur ein Jahr nach dem Tode seiner heißgeliebten Sophie eine neue Verbindung einzugehen, die sogar zu heiraten. - Es wundert mich aber nicht. Wer sein Liebesgefühl sublimiert, aus dem Instinkthaften ins Bewußte führt, der verwässert Eros. Das Gefühl zerfasert sich auf einen bestimmten Typus, die Partner werden an einem Ideal gemessen, dem sie nie genügen können. Ja, wie soll das realit werden? Der romantische Mensch möchte es, er will die Einheit aus Sinnlichkeit, Sittlichkeit und Erhabenheit (eine Art von geistiger Verschmelzung), aber dieses Wollen wird in der Wirklichkeit selten genug Bestand haben. Es ist nur wenigen vergönnt.
    Wie viel einfacher ist es doch dagegen, die Partnerin nicht aufs Podest zu heben, sondern sie auf die heilige Dreifaltigkeit (Sex, Kinderaufzucht, Haushaltsführung) zu beschränken. Eine solche Verbindung, die sich nicht auf Liebe und Ideal begründet, die kann doch ewig halten, wenn die Vertragspartnerin das alles leistet.

  • #2
    Erstaunlich genug ist es, daß Goethe nur ein Märchen schrieb. 1796. Ein schönes Märchen. Obwohl Goethe plante, noch weitere zu schreiben, unterließ er es. Warum? Schiller schrieb erst keine. Goethes Märchen diente den Romantikern als Blaupause für viele ihrer Kunstmärchen. Wem kann so etwas auch einfallen: Eine auf dem Grunde lebende Schlange verschluckt einen Klumpen Gold und zieht darauf auf Wanderschaft, die Welt von innen her erleuchtend. Diese Schlangen!
    Ich bin ein großer Märchenfreund. Die gruseligsten schrieb Tieck (Runenberg, Ekbert), die schönsten aber sind die Volksmärchen. Volkes Zunge.
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    • #3

      Novalis zum 250. Geburtstag


      Einer der großen Ostfalen darf am 2. Mai gefeiert werden. Friedrich von Hardenberg aus dem Mansfeld. Das ist die Gegend, aus der auch Luther stammt, Händel ein paar Kilometer östlicher und dann über die Saale, ein Dutzend Kilometer weiter Nietzsche. Ohne sie wäre der deutsche Geist nicht das, was er heute sein könnte: Menschheitsgut. Aber ich will heute nicht schimpfen, sondern einen Mann feiern, der viel zu früh von uns ging.
      Der Kaiser der ROMANTIK hieß zwar mit „bürgerlichem“ Namen Friedrich von Hardenberg, nannte sich jedoch ein Neuland Rodender und Sämann, Novalis. Er lebte zwischen 1772 und 1801 in Ostfalen, Sachsen und Thüringen. Er war kein Reisefreund, was für einen Romantiker eher untypisch zu nennen ist. Früh schon liebte er. Er ging nach Jena, um Schillern nahe zu sein. Mit seinem Freunde Adlerskron hielt er abwechselnd Wache am Bett des schwerkranken Schiller. 1791. Nachtwachen. Vigilien. ETA schwebte deliriert später in eben diesen Nachtwachen um seinen Zaubertopf. Novalis aber wollte nicht träumen, um zu wachen. Sein Leben war Traum, fortgesetztes Träumen. Wahrheit (Gott), Natur und Dichtung verschwammen harmonisch in eins. So fand er Gefühle, schaute an und verband dieses zu einem neuen Reich der romantischen Wirklichkeit, die einen dato nie vernommenen Reiz auslöste. Er arbeitete, suchte in der praktischen Tätigkeit, wie eine Generation vor ihm der bewunderte Goethe, Zugang zu den Geheimnissen der Erde, wühlte auf und bereitete den Boden. Er liebte. Aber der frühe TOD seiner geliebten Sophie von Kühn stürzte ihn in eine Depression; er schrieb die Hymnen an die Nacht. Doch nur ein Jahr nach dem Tode der Geliebten heiratete er. Ein liebendes Herz findet überall Anbindung. Eben darum soll es im Leben gehen, um den geheimnisvollen Weg ins Innere, Anbindung finden an das, was im Herzen schon west, die harmonische Welt, wie sie Gott uns einst schenkte und die wir nun wiederfinden müssen:
      • als zeitlos-mystischer Akt
      • der Mensch ist Kettenglied in einer endlichen GESCHICHTE: alles hat hierin Funktion
      Das haben wir Novalis zu verdanken, daß er nicht nur den Menschen als Kettenglied in einem zu sich selbst kommenden Menschwerdungsprozeß begriff, sondern darüber hinaus jeder wissenschaftlichen Tätigkeit das Feld eröffnete: In jeder Einzelwissenschaft ist der Grundriß zu einer allumfassenden Wissenschaft zu suchen; jeder gesetzmäßiger Verlauf ist ein Gleichnis für die Harmonie im All.
      Dagegen empfand er die Revolution in Frankreich als Gewalt, als Indiz für die Verrohung des Menschen, die eine auf Erwerbstätigkeit allein gerichtete Menschheit wohl anrichten muß – schlimmer wird das jedes Jahr, ein „einförmige[s] Klappern einer ungeheueren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben“. Dagegen setzte er das Deutschtum, etwas, was erst noch als Geborenes in die Welt hinausmüsse, Europa und die Christenheit zu retten. Ein Märchen ist das, sagen wir Heutigen.
      Aber wir sollten es heute besser wissen: Wer spinnt, der hat mehr vom Leben. Das Träumen ist, was uns wachhält, die perpetuierte Sehnsucht nach der blauen Blume, Antriebs- und Sehnsuchtsmotiv gleichermaßen. In diesem Sinne laßt uns träumen!.

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      • #4
        Goethes "Faust" enthält zahlreiche Anspielungen auf die altdeutsche Mythologie, auf sehr alte Vorstellungen, die sich im Volke erhalten haben, ich glaube, bis heute.


        Gretchens WAHNSINN in der Kerker-Szene, als sie die Fluchthilfe Fausts ablehnt, wird mit einer alten Sage vom Machandelbaum (Wacholder) verbunden:

        Meine Mutter: die mich schlachtete,
        mein Vater: der mich aß,
        meine Schwester: die Marlene,
        sucht all meine Gebeene,
        bindet sie in ein seiden Tuch,
        legt’s unter den Wacholderbaum.
        Kywitt, Kywitt,
        was für ein schöner Vogel ich bin!

        In diesem Märchen geht es um einen Jungen, dem die böse Stiefmutter (Mörderin) den Kopf abschlägt. Sie bindet den abgeschlagenen Kopf mit einem weißen Tüchlein fest auf den Hals, daß es scheine, als lebe der Tote noch (Totenfesselung). Zusätzlich legt sie dem Toten einen Apfel in die Hand. Die Schwester Marlene muß mit ansehen, wie die Stiefmutter den Toten später zu einer Suppe verarbeitet, die dem nach Hause kommenden Vater zum Essen vorgesetzt wird. Die Schwester bleibt still, der Vater ißt von seinem Sohne, ohne es zu wissen und verlangt immer mehr (Liebeskannibalismus, der die Kraft der Toten aufnimmt); die Schwester sammelt die Knochen ihres Bruders auf (Reliquienkult) und bindet sie in ein Seidentuch, das sie unter einem Wacholderbaum begräbt. Kurze Zeit später ist das Bündel mit den Knochen verschwunden und es ist ein schöner Vogel entstanden (Seelenwanderung; Totemismus), der verschiedenen Menschen obenstehendes Lied vorsingt (Einfluß der Toten auf die Lebenden) und dafür Gold, Schuhe und einen Mühlstein erhält. Zu seinem Elternhaus zurückgekehrt, beschenkt er seinen Vater mit dem GOLD, seine Schwester mit den Schuhen und erschlägt seine ängstlich gewordene und eine Bestrafung erwartende Stiefmutter (Zornwille der Toten) mit dem Mühlstein. Als seine Stiefmutter tot ist, verwandelt sich der Vogel in den kleinen Jungen, der fortan mit seiner Schwester und seinem Vater zusammenlebt.

        Gretchen singt das Lied in der HOFFNUNG auf eine Wiederkehr ihrer vom Teufel/Mephistopheles getöteten Lieben. Sie ist also nicht wahnsinnig, sondern hofft. Gott rettet sie, weil sie hofft, liebt und glaubt. - Wunderbar.

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        • #5
          Ein neues Buch beginnt mit einem Hölderlin-Zitat. Ich bin begeistert. Das ist doch gleich was anderes als dieses danebenliegende Parlieren amerikanischer Halbaffen, die sich Soziologen oder Kommunikationswissenschaftler nennen und die Pflichtlektüre unserer Studenten sein sollen.

          Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor
          und würde Geist, wenn nicht der alte stumme Fels,
          das Schicksal, ihr entgegenstände.


          Das steigert das Gemütsleben, das bringt mich in einen Zustand der Lebensfreude, der weit über das kurzlebige und selbzerstörerische Ironisieren hinausreicht, das dieser Tage als Geist gilt. "Des Herzens Woge schäumt", aber der "stumme Fels, das Schicksal" bricht das Schäumen, aus dem die Göttin der Liebe geboren ward. Ach, wäre ich doch alt!

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          • #6
            Es gab in der Wissenschaftsgeschichte immer Phasen der Infantisierung, also Phasen der sogenannten Popularisierung staubtrockener Wissenschaftlichkeit. Böse Zungen behaupten, die Romantik (vs. Klassik) sei so eine Zeit gewesen oder das Biedermeier (vs. Empire) in der Kunst oder der Expressionismus, der den Naturalismus aufweichte. Feminisierung nannte Goethe das und wollte seine innere Überlegenheit und Freiheit gegen diese Popularisierungen behaupten. Die Farbenlehre ist beredter Ausdruck dieses Wunsches. Auch bei Heine findet sich dieser Abstandsgedanke gegenüber der Romantik, eine Art von Aristokratismus. Ironischerweise begegnen Heine und Goethe einander im Begriff der "Ironie". Und schließlich natürlich Nietzsche, der den Naturalismus seiner Zeit, den Historismus und das Adeptentum in der Anhängerschaft Wagners skeptisch als Lebensnotdurft beäugte.

            Das ist eigentlich ein Thema für ein Buch. Im nächsten Leben werde ich es schreiben.

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            • #7
              Der Mann gehört nicht eigentlich zur Weimarer Klassik, da er um Weimar und seine Hofkultur einen weiten Bogen machte. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Sachse war Demokrat, Lutheraner und Nationalist. Das war 1798 mindestens eines zuviel für die Hofkreise. Aber in Jena (18 Kilometer östlich von Weimar gelegen) an der dortigen Universität ward er wohlgelitten (in diesen Zeiten gab es noch Lehrfreiheit) - nur die altbackenen Lutherverknöcherer der Stadt hatten was gegen ihn. Sie hatten Luther zwar nicht verstanden, aber das taten sie mit ganzer Kraft, ganz ähnlich der heutigen offiziösen (evangelischen) Kirche, die Luther auch nicht verstanden hat - aber anders nicht verstanden hat. (Doch dazu itzt nichts.) Er war Demokrat, weil er Glauben und Wissen nicht trennte und Menschsein nicht daran maß, ob der Mensch durch Bildung und Wissen zum Menschen erst werden mußte (Lehr- und Wanderjahre), geworden sein sollte, wie Erasmus (Gegner Luthers) und Goethe dies annahmen. Die waren Aristokraten, er setzte dagegen auf die Idee Gottes in jedem Menschen, die es diesem vermochte, Glauben und Wissen nebeneinander wesen zu lassen. Selbstgewißheit. Daraus entstand auch seine Ichlehre. Das Ich setzt sich und begreift alles außerhalb als Nicht-Ich. Das Ichsetzen ist der wichtigere Prozeß. Und dann sagte er die in den Ohren der falschlutheranen Kirchenoberen seiner Zeit mißklingenden fatalen Worte, die ihm den Atheismus-Vorwurf und die Vertreibung aus Jena einbrachten: Ihr, die ihr Gott nennt, habt nicht, wie ihr wolltet, Gott gedacht, sondern nur euch selbst im Denken vervielfältigt.
              Sic! Ich denke an Xenophanes, der vor 2500 Jahren etwas Ähnlich gemeint haben dürfte, als er behauptete, die Menschen würden Gott nach ihrem Bilde erschaffen, weshalb die Götter der Skythen rothaarig, die der Griechen blond und die in Äthiopien dunkelhäutig seien. Menschen legen ihre Wunschvorstellungen in ihr Gottesbild, erweitern ihr Ich, womit sie Gott zu einem Teil ihres Ichs machen.

              ATHEISMUS! schrien die Oberen.

              Nein, sage ich, nur eine Folge eines subsistierenden Ich-Begriffs. Dieses ich kann nicht anders; es muß Gott zu einer Projektion machen, einem Phantasmagon.

              Unser Sachse setzte Gott dagegen als eine Art sittlichen Weltrichter, der die Ordnung sichert. Das ist ein metaphysisches, weil jenseits positiv sicherbarer Tatbestände gesetztes Nicht-Ich. Das bleibt unbefriedigend, weil Gott nun zwischen Ich und Nicht-Ich kein Vereinigungspunkt von Wissen und Glauben mehr sein kann. Also benötigt man einen transzendenten Trick, der zugleich - und hier erfolgt die Rückbindung an die pantheistische Klassik - bewirkt, daß Gott nicht nur ein vom Ich Gesetztes bleibt, sondern Ich und Nicht-Ich gleichsam umwölkt und durchdringt, eben überall ist. Das Ich findet Gott in sich, aber es projiziert ihn nicht. Das ist ein riesiger Unterschied.

              Atheismus? Das Gegenteil.

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              • #8
                Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Meine jährliche Pilgerfahrt nach Weimar/Jena führte mich an bislang nichtbesuchte und stets besuchte Orte. Wie immer fand ich Neues, erfreute mich an Gebliebenem und hatte nach einer Zecherei plötzlich den Eindruck, der Weimar auf den Punkt bringt: "Die spinnten!" Was aber dem Philister höchster Ausdruck von Weltferne ist, ist sie mir nicht. Ich schrieb schon als 20jähriger an die Tür des Requisitenraumes in einem magdeburger Theater: Wer spinnt, hat mehr vom Leben.

                Alltag eines deutschen Schriftstellers um 1760



                Im Stadtmuseum ist derzeit eine Ausstellung zu sehen. Wieland steht im Mittelpunkt. Der Mann war schlüpfrig, was dazu führte, daß er trotz seiner Verdienste nicht geadelt wurde. Anna Amalia holte ihn nach Weimar, um ihren Sohn Karl August erziehen zu lassen. Wieland war zu dieser Zeit in einer komfortablen Lebenssituation irgendwo in Südwestdeutschland. Daß er dennoch ins seinerzeit eher unbekannte Weimar zog, kann verschiedene Gründe gehabt haben, finanzielle sicher nicht, denn er lebte in Weimar die ersten Jahre sehr beengt - die Schwiegermutter kam auch noch und wohnte anfangs bei Wieland.
                Mit Wieland setzt die Klassik ein. 1772. Sagt das Museum. Sehe ich nicht so. Für mich beginnt die Klassik mit Goethes Rückkehr aus Italien.

                Zur Geschichte Weimars gehört auch das KZ Buchenwald. Es ist nicht die Kehrseite, sondern Ausdruck eines utilitaristisch-postmodernen Menschenbildes, das den Menschen nach seinem mutmaßlichen Nutzen bewertet und konsequent die Folgen einer solchen Bewertung umsetzt. Für die Nazis waren die in den KZs Untergebrachten Volksschädlinge oder schlichtweg Volksfeinde. Das wurde ihnen bei der Begrüßung schon zweifach deutlich gemacht, einmal durch einen Dauerlauf von der Bahnstation zum Eingangstor des KZs und zum anderen durch den Begrüßungsspruch am KZ-Tor: Nicht das goethische SALVE! stand dort, sondern "Jedem das Seine".

                Weg vom BAhnhof Buchenwald zum Lager: Carachoweg

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                • #9
                  Im letzten 'lesenswert' vom umtriebigen und ein wenig eitlen Dennis Scheck kam die sympathische Andrea Wulf zu Wort und Schrift. Ihr neues Buch über die Jenaer Spinner machte mich neugierig. War ein recht lustig Völkchen dort und die hehren Geistesgrößen führten wohl ein recht lockeres (Liebes)leben.

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                  • #10
                    Mein Weg führte mich auch auf den Johannisfriedhof in Jena. Als Student war ich dort sehr oft. Dort wachsen Wild-Äpfel. Ich nahm drei Exemplare, möglicherweise von einem Ableger des Baums, von dem Schiller seine Wild-Äpfel bezog, die in seinem Schreibtisch lagen. Sie strömen einen sehr intensiven Geruch aus, der wie ein Halluzinogen wirkt. Im hinteren (nördlichen) Teil des Friedhofs fand ich Carolines (Schillers Schwägerin) Grab, die ich kürzlich wieder für mich entdeckte, als ich ihre Schiller-Biographie las. In ihrer Nähe Johanna Schopenhauer, Schopenhauers Mutter. Erstaunlich: Carolines Schwester, auch ihr Mann, liegen nicht dort. Die Lage des eigenen Grabes gibt doch sehr viel Auskunft über das, was jemandem im Leben etwas galt. Dafür liegt der gute Knebel in ihrer Nähe, der Freund ihrer Mutter.

                    Übersicht über einige Gräber auf dem Friedhof:

                    Johannisfriedhof Jena

                    Caroline von Wolzogen - Grab

                    Diese Idee mit dem guten Grabnachbarn läßt sich auch auf Kirms anwenden. Der gute Kirms war der Schwiegervater von Wilhelmine Kirms. Diese Wilhelmine muß nicht nur eine sehr schöne, sondern auch sehr intelligente Frau gewesen sein. Sie trug Hölderlins einziges Kind aus, das allerdings nur kurz lebte. Der gute Kirms liegt neben Frau von Stein in Weimar. Goethes Grab übrigens läßt sich von dem der Frau von Stein aus nicht sehen. Da muß wohl in den letzten Jahren ihres Lebens einiges vorgefallen sein, denn, erinnern wir uns, als Goethe jung war, konnte er von Frau von Stein gar nicht genug kriegen, ließ sogar sein Gartenhaus so anlegen, daß er zu ihrem Haus blicken konnte (Sichtachse im Ilm-Park). Der gute Kirms war zudem ein treuer Gefährte Goethes bei dessen Arbeit als Intendant des Weimarer Theaters.

                    Goethes Gehilfe am Theater

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                    • #11
                      Mein Weg führte mich in diesem Jahr erstmals ins Nietzsche-Archiv. Diese Bezeichnung "Nietzsche-Archiv" ist ein Elativ, eine maßlose Beschönigung der ersten Etage des Hauses, das Nietzsches Schwester Elisabeth 1896/7 kaufte, um ihren Bruder zu pflegen, was sie von 1897 bis zu Nietzsches Tod 1900 auch tat. Das Haus liegt in einer Kurve auf dem Berg. Es wird 1897 billig gewesen sein, weil Stadtrand. In der Straße befinden sich Häuser, die wenig später gebaut wurden, schöne Jugendstil-Villen. Der Besucher darf für 5 € durch drei Räume in der ersten Etage gehen. Nietzsche hat dieses Haus nach 1897 nicht mehr verlassen. Zwei Bilder von Nietzsches Schwestern (jung) und eines als ein Indiz für den aufgezogenen Kult. Die Frau war geschäftstüchtig. Sie lebte noch bis 1935 und empfing Hitler 1934 in diesem Haus, der ihr den Bau einer größeren Gedächtnisstätte für Nietzsche zusagte. Die wurde 1938 auch eröffnet, dann aber nicht zu der Größe gebracht, die Hitler wohl vorgeschwebt hatte. Nietzsche hatte bereits 1888 gemutmaßt, daß zu befürchten sei, daß der Pöbel ihn heiligen werde. Wie recht er auch damit hatte!

                      Ein Bronzeofen mit Napoleon äh Nietzschehoheitszeichen. Kult!

                      Nietzschekult im Archiv

                      hübsch und lieb Nietzsches zweite Schwester

                      Nietzsches Schwester jung

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                      • #12
                        Skurrile Dinge begegneten mir auch: z.B. ein Bananen-Opferaltar für die Opfer von NS-Zeit und Sozialismus im Foyer der Uni Jena. In diesem Foyer wird dreier Philosophen besonders gedacht: Leibnizens, Hegels, Marxens. Nun ja, das war mir als Student gar nicht aufgefallen. Hegel kann ich noch nachvollziehen, aber Marx sah die Uni Jena nie von innen (er hatte seine Arbeit über Demokrit und Heraklit aus der Ferne an die Uni geschickt, weil die auch Ferndissertationen betreute); Leibniz war nur als Student in der Stadt. Fichte und Schiller fehlen: muß an 1948 liegen, als man (vergeblich) philosophiegeschichtliche Traditionen aufzubauen versuchte. Der Opferaltar ist jedenfalls skurril, aber typisch für den Humor, den man in Jena pflegt.

                        Foyer Uni Jena

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                        • #13
                          Es existiert ein merkwürdiges Bonmot: "Das lasen die Deutschen, als ihre Klassiker schrieben." Es folgt eine Auflistung für das Das. Da stehen dann Namen wie Kotzebue, aber auch Tieck. Kotzebue kennt man heute nur noch, weil ihn ein Student im Namen der Freiheit erschoß, was dann zu den Karlsbader Beschlüssen führte. Tieck ist heute noch bekannt, aber keineswegs berühmt. Das war schon ein Guter. Aber etliche haben ihn an Bedeutung und Ruhm überholt, die zu seiner Zeit weit hinten ihm lagen, an Bedeutung, Vermögen und öffentlicher Beachtung.
                          Zwei Fragen stellen sich mir:
                          1. Welche Namen, die heute berühmt sind, werden in hundert Jahren noch berühmte sein?
                          2. Woran mißt sich fortdauernder Ruhm?

                          In sozialhistorischer Hinsicht tat sich auch etliches. Eine Literaturgeschichte von 1907 nennt die Verkaufszahl von 7000 für Schillers "Wilhelm Tell" 1804 ein kulturgeschichtliches Ereignis. Da hat der Verleger viel verdient. Schiller nicht, denn so etwas wie Copyright gab es zu seiner Zeit nicht. Da ging man zu einem Verleger, der einen bezahlte (Schiller erhielt pro Gedicht einen Carolinen-Thaler, etwa 32 €, was nicht viel klingt, aber ein Bier kostete umgerechnet nur 40 Cent, also erhielt Schiller etwa 80 Bier für ein Gedicht, was, wenn ich den Preis für die Maß auf dem letzten Oktoberfest veranschlage, dann 800 € wären: siehste!) und dann versuchen mußte, den an den Dichter gezahlten Vorschuß irgendwie wieder hereinzubringen. Wenn andere schneller und besser druckten als er, hatte er auch das Nachsehen. Zeiten! "Wilhelm Tell" sind aber mind. 80 Gedichte wert, also 64000 €. Auch nicht viel für seinen Verleger, der bei 7000 verkauften Exemplaren etwa 2 Reichstaler fürs Exemplar verlangte, also 14000 Reichstaler einnahm, das sind dann schlichtweg 14 Häuser in Jena (Schiller zahlte etwa 1000 Taler für sein Haus in Jena) oder fast vier in Weimar (sein Haus in Weimar kostete 4000 Taler). Kein schlechtes Geschäft.
                          1907 wurde ein Buch zum Bestseller, das man heute nicht mehr kennt. Es verkaufte sich 250000 mal. Die Nr. 1 des Jahres. "Peter Mohrs Fahrt nach Südwest". Autor: Gustav Frenssen. Das Buch kann man heute für 3 € antiquarisch kaufen, damals war es auch kein teures Vergnügen. Kurzum, die 250000 Exemplare spülten vielleicht 125000 Mark ins verlegerische Portfeuil. Das ist nicht sehr viel mehr als die 14000 Taler 1804, wahrscheinlich sogar weniger.

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                          • #14
                            Ein anderer Autor, der zu Goethes Zeiten sehr viel mehr Bücher verkaufte als unsere Klassiker zusammen, war Jean Paul. Das War ist hier wörtlich zu verstehen. Man kennt ihn heute noch, aber keiner liest ihn. Das dürfte daran liegen, daß Jean Paul zu seiner Zeit eine Art von journalistischer Schriftsteller war, der es verstand, aus vielen vielen Zettelkästen heraus Informationen an einen eigenen Gedanken zu binden, geistreichelnde Spielereien, die sich besonders bei den sich langweilenden Damen gut anbringen ließen, aber letztlich künstlerisch marginal blieben, was Goethe mit den Worten kommentierte: "Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könnte, als daß der Autor ein Philister gewesen." Pardautz! Das saß. Damit ist Jean Paul künstlerisch erledigt. Es findet sich bis heute keiner von Bedeutung, der eine Ehrenrettung versucht hätte. Ich las in meiner Jugend eine lesbare Biographie, aber sie verführte mich nicht dazu, Jean Paul in seinen Schriften zu suchen. (bei anderen klappte das sehr viel besser)

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                            • #15
                              Die Klassiker hinterließen tiefe Spuren, die es Nachkommenden sehr schwer machen, neue Wege zu finden. Sie müßten entweder tiefer graben oder sich neues Gestrüpp suchen, durch das sie einen Weg hauen. So gibt es sicherlich auch heute gute Lyriker, die Verse schmieden können, die den Reim beherrschen, auch ein Metrum durchhalten, aber wie tief soll ihr Naturverständnis, das von menschlichen Abgründen und Höhen noch reichen, was nicht schon einer der Klassiker sagte? Deshalb sind heutige Dichter so wenig unterscheidbar, sie bewegen sich in ähnlichen Stimmungen und sagen mehr oder weniger das gleiche. Und wir alle wissen, daß Befasse mit der Politik die Poesie zerstört.

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